Ein bisschen Hollywood in Treviso – eine Begegnung mit Giò Stefan

Über einen zufälligen Galeriebesuch, die Faszination für Retro und ein ausgesprochen angenehmes Gespräch mit einer Künstlerin.

Während meine Frau die Geschäfte von Treviso unsicher machte, nutzte ich die Gelegenheit für einen kleinen Galeriebesuch. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Und während andere mit Einkaufstaschen nach Hause kommen, sammle ich lieber Eindrücke und interessante Begegnungen.

In der kleinen Galleria Spazio 5 in der Via Pescheria entdeckte ich die Ausstellung Fuori Cornice der Künstlerin Giò Stefan. Schon beim ersten Blick auf ihre Bilder war mir klar, dass ich hier nicht gleich wieder verschwinden würde. Hollywood, Vintage, amerikanische Großstädte, klassische Filmästhetik und vor allem ein ausgesprochen reizvoller Umgang mit Farbe.

Vielleicht fühle ich mich von ihren Arbeiten auch deshalb so angesprochen, weil ich selbst eine gewisse Vorliebe für Retro habe. Eine gewisse Vorliebe ist möglicherweise etwas untertrieben.

Besonders erfreulich war, dass die Künstlerin persönlich anwesend war. Giò Stefan erwies sich als ausgesprochen sympathische und offene Gesprächspartnerin. Wir unterhielten uns über ihre Arbeiten, und ich habe diese Begegnung wirklich genossen. Solche Gespräche sind für mich oft ebenso bereichernd wie die ausgestellten Werke selbst. Es macht eben einen Unterschied, ob man vor einem Bild steht und sich seine eigenen Gedanken macht oder ob man Gelegenheit bekommt, mit dem Menschen zu sprechen, der es geschaffen hat.

Von der Architektur zur Malerei

Giò Stefan, mit bürgerlichem Namen Giovanna Stefanutti, studierte Architektur in Venedig und arbeitete viele Jahre als Innenarchitektin, bevor sie sich vollständig der Malerei widmete. Heute lebt und arbeitet sie in Treviso.

Ihre Ausbildung ist ihren Bildern durchaus anzusehen. Besonders ihre Stadtansichten zeigen ein ausgeprägtes Gespür für Architektur, Perspektive und räumliche Komposition. Gebäude, Straßen, Fahrzeuge und Menschen bilden sorgfältig gestaltete Szenerien, die mich stellenweise an alte Kinoplakate erinnern.

Zu ihren künstlerischen Bezugspunkten gehören unter anderem Tamara de Lempicka, Norman Rockwell, Jack Vettriano und Edward Hopper. Eine interessante Mischung aus Art déco, erzählerischer Malerei, eleganter Figureninszenierung und jener eigentümlichen Atmosphäre, die Hoppers amerikanische Stadtlandschaften auszeichnet.

Was mir persönlich besonders gefällt, ist ihr Umgang mit Farbe. Stefan setzt kräftige Farbakzente, arbeitet mit Kontrasten und schafft damit eine ganz eigene Atmosphäre. Ihre Farben beschreiben nicht einfach die Wirklichkeit, sie gestalten sie. Besonders in ihren amerikanischen Großstadtansichten entstehen dadurch Bilder, die irgendwo zwischen Erinnerung, Filmkulisse und Fantasie angesiedelt sind.

Marilyn, Hollywood und eine Rolleiflex

Ein Bild hat es mir besonders angetan: Marilyn Monroe mit einer zweiäugigen Rolleiflex. Platinblondes Haar, rote Lippen, schwarze Handschuhe und ein kräftiger türkisfarbener Hintergrund. Das Motiv vereint einiges von dem, was ich an der klassischen Hollywood-Ästhetik liebe.

Und dann diese Kamera! Ausgerechnet Marilyn, eine der meistfotografierten Frauen des 20. Jahrhunderts, hält selbst eine Rolleiflex in den Händen. Ein reizvoller Rollenwechsel: Die Frau, die normalerweise vor der Kamera steht, übernimmt plötzlich selbst die Rolle der Fotografin.

Stefans Begeisterung für das Kino geht weit über die klassischen Hollywood-Ikonen hinaus. Gemeinsam mit ihrer Tochter Sabina beschäftigt sie sich intensiv mit dem Autorenfilm. Hitchcock, Billy Wilder, Tim Burton und Wes Anderson gehören zu ihren Inspirationsquellen. Filmische Szenen, außergewöhnliche Bildkompositionen und die Ästhetik vergangener Jahrzehnte finden ihren Weg in ihre Malerei.

Hier sehe ich durchaus Parallelen zu meiner eigenen fotografischen Arbeit. Auch mich interessiert weniger die möglichst naturgetreue Wiedergabe eines Menschen oder einer Szene als vielmehr die Möglichkeit der Inszenierung. Licht, Schatten, Komposition, Ausdruck und Atmosphäre sollen gemeinsam etwas erzählen.

Bei Stefan kommt die Farbe hinzu. Und die beherrscht sie auf eine Weise, die mich als überwiegend schwarzweiß arbeitenden Fotografen durchaus ein wenig neidisch machen könnte.

Fuori Cornice – wenn Kunst und Design einander begegnen

Die Ausstellung, die ich besuchte, trug den Titel Fuori Cornice, also „Außerhalb des Rahmens“. Giò Stefan präsentierte ihre Gemälde gemeinsam mit Originaa, einer Accessoire-Marke aus Treviso.

Neben ihren großformatigen Bildern waren ausgefallene Taschen und andere Accessoires zu sehen. Vintage, Filmgeschichte, Mode und Malerei begegneten sich in einem gemeinsamen ästhetischen Raum. Die Verbindung wirkte durchaus schlüssig, schließlich spielt die Gestaltung von Wohnräumen und Gebrauchsgegenständen auch in Stefans künstlerischem Werdegang eine wichtige Rolle.

Die Galleria Spazio 5 liegt in der Via Pescheria 5, mitten in der Altstadt von Treviso. Der kleine, helle Ausstellungsraum wird für wechselnde Kunstpräsentationen genutzt. Hier fanden auch schon andere Ausstellungen statt, bei denen Malerei und Design miteinander verbunden wurden, darunter Alchimie Visive. Die Galerie ist also durchaus eine Adresse, die man bei einem künftigen Besuch in Treviso im Auge behalten kann.

Die Ausstellung Fuori Cornice lief vom 23. bis zum 29. September 2026. Wer Giò Stefans Arbeiten kennenlernen möchte, findet weitere Werke und Informationen auf ihrem

Saatchi-Art-Profil.

Eine Begegnung, die in Erinnerung bleibt

Ich habe die Galerie mit vielen neuen Eindrücken verlassen. Natürlich waren es zunächst die Bilder, die mich angezogen haben. Die Farben, die Retro-Ästhetik, die Nähe zum klassischen Kino und die Freude an der Inszenierung. Aber mindestens ebenso angenehm war das Gespräch mit Giò Stefan selbst.

Eine ausgesprochen sympathische Frau, mit der ich mich gerne noch länger unterhalten hätte.

Sollte ich wieder einmal in Treviso sein, während meine Frau die örtlichen Geschäfte inspiziert, werde ich jedenfalls nachsehen, was gerade in der Galleria Spazio 5 ausgestellt wird. Vielleicht ergibt sich ja wieder eine interessante Begegnung.

Manchmal braucht es eben keine große Museumsfassade, um bemerkenswerte Kunst zu entdecken. Eine kleine Galerie, ein paar Bilder und ein gutes Gespräch reichen völlig aus.

Treviso, zum Zweiten

Übrigens ist dies bereits mein zweiter Beitrag über Treviso. Mein allererster Artikel für Cogitationes führte mich ebenfalls in diese Stadt – damals allerdings nicht in eine Kunstgalerie, sondern zum berühmten Tittenbrunnen, der Fontana delle Tette.

Von einem Renaissancebrunnen, aus dessen Brüsten einst Wein geflossen sein soll, zur eleganten Hollywood-Ästhetik des 20. Jahrhunderts. Offenbar hat Treviso eine gewisse Vorliebe für die Darstellung weiblicher Reize. Und ich möglicherweise auch.

Wer sich für die etwas ungewöhnliche Geschichte dieses Brunnens interessiert, kann gerne in meinem allerersten Cogitationes-Beitrag weiterschmökern: Nicht die Statue, sondern der Blick | Artis Umbrae

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