Warum ich Sie künftig öfter mit längst verstorbenen Malern belästigen werde

Der werten Leserin und dem geschätzten Leser sei gleich zu Beginn eine kleine Warnung mit auf den Weg gegeben. In den kommenden Monaten werden in den Cogitationes immer wieder Namen auftauchen, die man auf einer Seite über Fotografie vielleicht nicht unbedingt erwartet. Präraffaeliten. Nazarener. Symbolisten. Bauhaus. Vielleicht sogar die eine oder andere Kunstrichtung, deren Name zunächst eher nach einer seltenen Stoffwechselerkrankung klingt als nach einer spannenden Geschichte.

Keine Sorge. Es wird keine Prüfung geben. Niemand muss am Ende Jahreszahlen auswendig lernen oder sämtliche Vertreter einer Kunstrichtung fehlerfrei aufsagen. Das wäre schon deshalb unerquicklich, weil ich das selbst vermutlich nicht schaffen würde.

Bevor wir beginnen, noch zwei kurze Bemerkungen.

Die erste betrifft das Titelbild dieses Beitrags. Ja, selbstverständlich handelt es sich um ein KI-generiertes Bild. Ein Renaissancemaler mit einer modernen Kamera wäre selbst für mich als Fotograf nur mit erheblichem organisatorischem Aufwand zu beschaffen gewesen. Die kleine Spielerei soll aber genau das sichtbar machen, worum es in dieser Beitragsreihe gehen wird: Die Werkzeuge ändern sich. Die Fragen nicht. Die Kamera ist modern – das Denken über Bilder ist es erstaunlich oft nicht.

Die zweite Bemerkung richtet sich an jene Leserinnen und Leser, die die Cogitationes schon länger begleiten. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass hier immer wieder kunsthistorische Themen auftauchen. Wir haben bereits über den Impressionismus, den Symbolismus oder den Pointillismus gesprochen und dabei immer wieder Brücken zur Fotografie geschlagen. Bisher geschah das eher beiläufig – immer dann, wenn es gerade zum Thema passte.

Das möchte ich künftig ändern.

Kunstgeschichte soll einen festen Platz in den Cogitationes bekommen. Nicht als akademische Vorlesung und auch nicht als trockene Aufzählung von Jahreszahlen und Stilrichtungen. Mich interessiert etwas anderes: Warum entstanden bestimmte Kunstrichtungen überhaupt? Welches Problem wollten ihre Vertreter lösen? Welche Gedanken stecken hinter ihren Werken? Und weshalb beschäftigen uns diese Gedanken zum Teil noch Jahrhunderte später? Vor allem aber interessiert mich die Frage, was wir als Fotografen daraus lernen können – und worauf wir als Betrachter plötzlich achten, wenn wir beginnen, Bilder nicht nur anzusehen, sondern zu lesen.

Bevor wir beginnen, möchte ich noch eines klarstellen: Ich bin kein Kunsthistoriker. Die geschätzte Partnerin meines Sohnes hat Kunstgeschichte studiert, arbeitet wissenschaftlich auf diesem Gebiet und verfügt über ein Wissen, das meines in vieler Hinsicht weit übersteigt. Sollte sie diesen Beitrag lesen, wird sie vermutlich an der einen oder anderen Stelle freundlich lächeln – oder fachlich die Stirn runzeln. Beides sei ihr ausdrücklich gestattet. Ich habe gar nicht den Anspruch, mit einer Kunsthistorikerin konkurrieren zu wollen.

Ich schreibe diese Beiträge deshalb auch nicht als Wissenschaftler. Ich schreibe sie als Fotograf. Als jemand, der verstehen möchte, warum manche Bilder über Jahrhunderte hinweg Menschen berühren und andere trotz perfekter Technik erstaunlich schnell vergessen werden.

Meine Reise begann dort, wo sie vermutlich bei den meisten Fotografen beginnt: bei Fotografen. Ich verschlang Bildbände, analysierte Arbeiten von Fotografen, deren Bildsprache mich faszinierte, und fragte mich, warum ihre Bilder eine Wirkung entfalten, die weit über technische Perfektion hinausgeht. Anfangs genügte mir das völlig. Ich wollte verstehen, wie sie arbeiteten.

Mit der Zeit merkte ich allerdings, dass ich immer wieder an dieselbe Grenze stieß. Ich konnte zwar beschreiben, dass mich ein Bild faszinierte, aber immer seltener erklären, warum. Warum wirkt das Licht so selbstverständlich? Warum diese Körperhaltung? Warum genau diese Komposition? Warum berührt mich dieses Bild, während ein technisch ebenso perfektes Foto völlig belanglos bleibt?

Die Antworten fanden sich erstaunlich selten in Büchern über Fotografie. Stattdessen führten die Spuren immer weiter zurück. Die Fotografen, die ich bewunderte, hatten ihre Bildsprache ja nicht im luftleeren Raum entwickelt. Sie hatten Vorbilder. Plötzlich tauchten Namen von Malern auf. Kunstrichtungen. Architekten. Bühnenbildner. Tänzer. Aus einer Suche nach fotografischer Technik wurde langsam eine Suche nach bildnerischem Denken.

Besonders deutlich wurde mir das bei František Drtikol. Je intensiver ich mich mit seinen Arbeiten beschäftigte, desto häufiger führten die Spuren aus der Fotografie hinaus. Plötzlich ging es um Ausdruckstanz, um Art déco, um Geometrie, Licht und Schatten, um Symbolik und Reduktion. Ich hatte eigentlich einen Fotografen gesucht – und stand plötzlich mitten in der Kunstgeschichte. Das war nie der Plan. Ich wollte ursprünglich einfach nur bessere Fotografien machen. Erst viel später wurde mir klar, dass genau das der Weg dorthin war.

Und rückblickend war es eine der lohnendsten Entdeckungen überhaupt. Die Beschäftigung mit Kunstgeschichte hat meine Fotografie verändert. Sie hat meine Bildsprache erweitert, meine Entscheidungen bewusster gemacht und mir immer wieder neue Ideen geschenkt. Gleichzeitig hat sie aber auch meinen Blick als Betrachter verändert. Seither gehe ich anders durch Ausstellungen und Galerien. Moderne Kunst wirkt auf mich oft weniger rätselhaft, weil ich begonnen habe, ihre Wurzeln, ihre Fragestellungen und ihre Bezüge zu erkennen. Die Bilder werden nicht einfacher – aber sie werden tiefer.

Kunstgeschichte ist keine Sammlung alter Bilder. Sie ist eine Sammlung großer Ideen. Jede bedeutende Kunstrichtung entstand, weil Künstler ein Problem erkannten. Die Präraffaeliten rebellierten gegen eine Kunst, die sie als leer und akademisch empfanden. Die Impressionisten suchten das flüchtige Licht. Die Symbolisten wollten das Unsichtbare sichtbar machen. Das Bauhaus stellte die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Handwerk. Es ging nie zuerst um Stil. Es ging immer um eine Idee.

Gerade in der Fotografie begegnet mir erstaunlich oft die Vorstellung, man könne das Medium vollständig aus sich selbst heraus verstehen. Kamera, Objektiv, Licht, Photoshop – und irgendwo dazwischen noch ein Algorithmus, der einem erklärt, welche Bilder gerade besonders gut funktionieren. Das ist ungefähr so überzeugend, wie Architektur ausschließlich durch Besuche im Baumarkt verstehen zu wollen.

Fotografie ist ein junges Medium. Bildsprache dagegen ist uralt. Wenn ich ein Porträt fotografiere, arbeite ich mit Licht, das Rembrandt bereits verstand. Wenn ich Schatten einsetze, diskutiere ich zwangsläufig mit Caravaggio. Wenn ich den Körper auf Form reduziere, führt früher oder später ein Weg zu Drtikol.

Diese Reihe richtet sich deshalb an Menschen, die sich nicht nur dafür interessieren, was auf einem Bild zu sehen ist, sondern auch warum es so gestaltet wurde. An Fotografen, die ihre Bildsprache erweitern möchten. An Kunstinteressierte, die neugierig auf die Gedanken hinter großen Werken sind. Und an alle, die überzeugt sind, dass ein gutes Bild mehr sein kann als ein technisch gelungenes Abbild der Wirklichkeit.

Genau das möchte ich in den kommenden Beiträgen versuchen. Keine kunsthistorischen Vorlesungen. Keine trockenen Faktenlisten. Stattdessen möchte ich gemeinsam mit Ihnen Kunstrichtungen besuchen, ihre Gedanken verstehen und anschließend eine ganz praktische Frage stellen:

Was können wir heute – als Fotografen, als Betrachter und ganz allgemein als Menschen – noch von ihnen lernen?

Den Anfang macht eine Künstlergruppe, deren Name erstaunlich oft missverstanden wird und deren Gedanken heute aktueller erscheinen, als ihnen vermutlich lieb gewesen wäre: die Präraffaeliten.

Dieser Beitrag wird zugleich der Auftakt zu einer kleinen, immer wiederkehrenden Reihe innerhalb der Cogitationes sein. In loser Folge werden wir bedeutende Kunstrichtungen, Künstler und ihre Ideen besuchen. Nicht, um kunsthistorische Fakten zu sammeln, sondern um zu verstehen, welche Gedanken hinter ihren Werken standen, warum sie entstanden und weshalb sie uns auch heute noch etwas zu sagen haben.

Vielleicht stellen wir dabei fest, dass viele Antworten auf fotografische Fragen schon lange existieren.

Die Kamera hat diese Antworten nicht erfunden. Sie hat sie geerbt.

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