Wenn wir ein Kunstwerk betrachten, stellt sich früher oder später eine erstaunlich einfache Frage: Was bedeutet das eigentlich?
Die Kunsttheorie besitzt allerdings die bemerkenswerte Fähigkeit, für vollkommen verständliche Fragen Wörter zu erfinden, bei denen man zunächst einmal nachschlagen muss, was die Frage überhaupt war. Zwei davon sind Hermeneutik und Rezeptionsästhetik. Beide beschäftigen sich damit, wie wir Kunst verstehen. Und beide sind für meine Arbeit an CONVIVIUM ziemlich interessant.
Die Hermeneutik beschäftigt sich mit dem Verstehen und Interpretieren eines Werkes. Sie fragt nach seinen Bedeutungszusammenhängen: nach Symbolen, Komposition, historischen und kulturellen Bezügen, der Zeit seiner Entstehung und gegebenenfalls auch nach der Biographie des Künstlers. Dabei geht es nicht darum, irgendwo im Werk eine einzige, korrekt versteckte Botschaft auszugraben. Verstehen entsteht vielmehr im Zusammenspiel zwischen dem Werk, seinem historischen Kontext und demjenigen, der es betrachtet.
Denn auch der Betrachter kommt nicht vollkommen unbeschrieben vor einem Bild zu stehen. Er bringt Wissen, Erfahrungen, Erwartungen und Vorurteile mit. Letztere selbstverständlich nur die anderen. Wir selbst verfügen gewöhnlich über wohlerwogene Einschätzungen.
Genau an dieser Stelle wird die Rezeptionsästhetik interessant. Der Begriff stammt ursprünglich vor allem aus der Literaturwissenschaft, lässt sich aber ohne größere Verrenkungen auch auf die bildende Kunst übertragen. Sie richtet den Blick weniger ausschließlich darauf, was der Künstler beabsichtigt haben könnte, sondern darauf, was im Moment der Begegnung zwischen Werk und Betrachter geschieht.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Erinnerungen, Erfahrungen, Hoffnungen, Ängste, Wissen und kulturelle Prägungen beeinflussen, wie ein Bild wahrgenommen wird. Eine Fotografie kann deshalb bei zwei Menschen vollkommen unterschiedliche Gedanken und Gefühle auslösen. Der eine erkennt darin Einsamkeit, der andere Ruhe. Einer empfindet eine Geste als verletzlich, ein anderer als provokant. Das Werk ist dasselbe. Seine Wirkung ist es nicht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Interpretation automatisch gleich gut ist. „Kunst ist subjektiv“ ist kein Freibrief für vollkommen beliebige Behauptungen. Wer in Caravaggios Judith eine frühe Werbung für hochwertige Küchenmesser erkennt, darf das selbstverständlich tun. Er sollte nur nicht beleidigt sein, wenn ihm die Kunstgeschichte dabei nicht geschlossen folgt.
Ein Kunstwerk besitzt schließlich eine eigene Struktur. Licht, Komposition, Gestik, Symbolik, Material, historische Bezüge oder die Beziehungen zwischen einzelnen Bildelementen geben einen Rahmen vor. Eine Interpretation kann diesen Rahmen erweitern, hinterfragen oder überraschend lesen. Sie sollte ihn aber wenigstens zur Kenntnis nehmen. Gute Interpretation entsteht deshalb aus einem Dialog zwischen Werk und Betrachter. Sie bleibt offen, ohne beliebig zu werden.
Ein großer Teil der modernen und zeitgenössischen Kunst macht dieses Spannungsfeld besonders sichtbar. Viele Werke verzichten bewusst darauf, dem Betrachter eine eindeutige Lesart samt Bedienungsanleitung mitzugeben. Das kann anregend sein. Gelegentlich dient es allerdings auch dazu, ein erstaunlich überschaubares Werk mit einem erstaunlich umfangreichen Begleittext auszustatten. Auch das gehört offenbar zu den Ausdrucksmöglichkeiten unserer Zeit.
Für meine eigene Arbeit ist eine andere Frage interessanter: Was geschieht, wenn die Wahrnehmung eines Bildes nicht nur durch Gedanken und Erinnerungen beeinflusst wird, sondern gleichzeitig durch andere Sinneseindrücke?
Genau hier setzt CONVIVIUM an.
CONVIVIUM verbindet künstlerische Fotografie mit gehobener Küche. Ausgangspunkt ist jeweils ein gemeinsames Thema – etwa die sieben Todsünden oder neun Formen beziehungsweise Arten des Schweigens. Ich interpretiere dieses Thema fotografisch. Ein Koch entwickelt dazu, unabhängig von meinen Bildern, ein mehrgängiges Menü. Er erhält also keine Aufgabe, ein Foto möglichst dekorativ auf einem Teller nachzubauen. Das wäre Illustration, keine eigenständige Interpretation.
Fotografie und Küche arbeiten zunächst getrennt voneinander. Beide beschäftigen sich mit demselben Gedanken, aber mit vollkommen unterschiedlichen Ausdrucksmitteln. In der Fotografie sind es Körper, Licht, Schatten, Gestik, Raum und Komposition. In der Küche Geschmack, Geruch, Temperatur, Textur und Konsistenz.
Erst beim gemeinsamen Erleben treffen beide Arbeiten aufeinander.
Während der Gast eine Fotografie betrachtet, schmeckt er vielleicht Bitterkeit, Süße, Säure oder Schärfe. Er riecht Rauch, Kräuter oder geröstete Aromen, erlebt weiche oder harte Texturen, hört Gespräche am Tisch und nimmt die Atmosphäre des Raumes wahr. Das Bild selbst verändert sich dabei selbstverständlich nicht. Aber möglicherweise verändert sich die Art, wie es erlebt wird.
Ein bitterer Geschmack kann eine Fotografie plötzlich härter erscheinen lassen. Etwas Süßes kann einer eigentlich düsteren Darstellung eine unerwartete Ebene hinzufügen. Ein Gericht kann Erinnerungen hervorrufen, die wiederum auf die Wahrnehmung des Bildes zurückwirken. Vielleicht geschieht auch gar nichts davon und der Gast stellt lediglich fest, dass er Fenchel nicht ausstehen kann. Auch das ist schließlich Rezeption.
CONVIVIUM führt damit den Gedanken der Rezeptionsästhetik praktisch weiter und macht ihn multisensorisch erfahrbar. Bedeutung entsteht hier nicht ausschließlich zwischen Bild und Betrachter. Gleichzeitig wirken Geschmack, Geruch, Textur, Raum, Gespräch und persönliche Erinnerung auf diese Begegnung ein.
Deshalb versteht sich CONVIVIUM weder als Ausstellung mit anschließendem Essen noch als Menü mit dekorativer Kunstbegleitung. Beide Formen müssen eigenständig bestehen können. Die Fotografie braucht das Gericht nicht, um Kunst zu sein, und das Gericht braucht das Bild nicht, um kulinarisch zu funktionieren.
Der Fotograf interpretiert ein Thema mit Bildern. Der Koch interpretiert dasselbe Thema mit Geschmack, Geruch und Textur. Der Gast bringt schließlich seine eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen mit. Erst in dieser Begegnung entsteht etwas, das keiner der Beteiligten vollständig kontrollieren kann.
Und genau das interessiert mich.
Denn ein Künstler kann Licht setzen, einen Körper positionieren, einen Schatten gestalten und entscheiden, welches Bild schließlich gezeigt wird. Ein Koch kann Zutaten auswählen, Geschmäcker gegeneinanderstellen und einen Ablauf komponieren. Beide können sehr präzise arbeiten.
Was ein Mensch daraus empfindet, gehört ihnen anschließend nur noch bedingt.
Vielleicht ist das die interessanteste Erkenntnis, die sich aus Hermeneutik und Rezeptionsästhetik mitnehmen lässt: Ein Kunstwerk kann irgendwann fertig sein. Seine Bedeutung ist es nicht unbedingt.
Und möglicherweise beginnt Kunst gerade dort wirklich interessant zu werden.
Wer mehr über das Projekt erfahren möchte, findet die bisher entstandenen Arbeiten und das zugrunde liegende Konzept auf der CONVIVIUM-Seite.
