Über Nacktheit, Alter, Ausdruck – und darüber, was ein Körper im Bild eigentlich leisten kann
Ich suche keinen schönen Körper. Das klingt für einen Fotografen, der Menschen fotografiert und dabei nicht selten auf Kleidung verzichtet, zunächst vielleicht widersprüchlich. Schließlich gehört Schönheit seit Jahrhunderten zu den großen Versprechen der Kunst. Sie wurde gemalt, gemeißelt, ausgeleuchtet, retuschiert und immer wieder neu normiert. Jede Zeit hat sich ziemlich zuverlässig darauf verständigt, wie ein Körper idealerweise auszusehen habe, und ebenso zuverlässig vergessen, dass die nächste Epoche diese Vereinbarung wieder ändern würde. Mich interessiert etwas anderes. Ich suche einen Menschen, der mit seinem Körper etwas erzählen kann. Ein Körper kann allen gegenwärtigen Vorstellungen von Attraktivität entsprechen, jung sein, trainiert, symmetrisch und makellos – und im Bild vollkommen stumm bleiben. Alles stimmt, nur das Bild sagt nichts. Ein anderer Körper trägt Spuren, Gewicht, Spannung, vielleicht Narben, Falten oder Müdigkeit. Dann verändert sich eine Schulter, eine Hand zieht sich zurück, der Schwerpunkt verlagert sich kaum sichtbar – und plötzlich entsteht Präsenz. Genau die interessiert mich.
Ein Modell ist für mich deshalb kein Körper, den man lediglich richtig hinstellen muss. Wenn ich einen inneren Zustand zeigen möchte – Stolz, Widerstand, Erschöpfung, Verletzlichkeit, Ambivalenz, Rückzug oder Entschlossenheit –, genügt keine hübsche Pose. Der Mensch vor meiner Kamera muss verstehen, worum es geht, und diese Vorstellung körperlich übersetzen können. Nicht als großes pantomimisches Zeichen, bei dem Trauer zuverlässig mit gesenktem Kopf und Stolz mit vorgestreckter Brust geliefert wird. Mich interessieren die kleineren Verschiebungen: die Spannung einer Hand, eine Schulter, die sich öffnet oder schützt, die Frage, ob ein Körper Gewicht abgibt oder dagegenhält, ob eine Haltung Raum beansprucht oder ihn vermeidet. Manchmal verändert ein Modell nur wenige Zentimeter – und plötzlich ist der Zustand da. Das setzt Können, Körperbewusstsein, Intelligenz und Vorstellungskraft voraus. Und manchmal eben auch Erfahrung.
Einige der Frauen, mit denen ich besonders gerne arbeite, sind über vierzig, eine deutlich über fünfzig. Ich erwähne das nicht, weil Alter an sich irgendeine Garantie für Tiefe wäre. Es gibt ausdrucksstarke junge Menschen und vollkommen ausdruckslose ältere; Lebensjahre verleihen niemandem automatisch künstlerische Bedeutung. Aber Lebenserfahrung kann das körperliche Vokabular erweitern. Wer seinen Körper seit Jahrzehnten kennt, kennt häufig auch dessen Möglichkeiten besser. Wer erlebt hat, wie sich Selbstbewusstsein verändert, wie Verletzlichkeit aussieht, wie man sich schützt, aufrichtet, zurückzieht oder widersetzt, kann solche Zustände anders verkörpern als jemand, der lediglich versucht, ihre äußere Form nachzustellen. Besonders wertvoll sind für mich deshalb Modelle, die schauspielerische Erfahrung besitzen oder ein ausgeprägtes Gespür für den eigenen Körper haben. Ein Modell muss nicht nur verstehen, welche Pose ich suche. Es muss verstehen, warum diese Pose existiert.
Darum ist Schönheit für mich auch kein eigentliches Auswahlkriterium. Natürlich muss mich ein Mensch fotografisch interessieren; alles andere wäre eine merkwürdige Behauptung für jemanden, der Bilder macht. Aber „fotografisch interessant“ ist nicht dasselbe wie „schön“. Mich können ein Rücken, eine Schulterlinie, Hände, eine bestimmte Körperhaltung oder eine ungewöhnliche Körperlichkeit interessieren. Altersspuren, Asymmetrien oder Eigenheiten können gerade jene Spannung erzeugen, die ein Bild braucht. Ein makelloser Körper ist nicht automatisch ein interessantes Motiv, ein gealterter ebenso wenig. Entscheidend ist nicht, wie nahe ein Körper einer gegenwärtigen Vorstellung von Attraktivität kommt, sondern was im Bild mit ihm geschieht. Unsere Wahrnehmung sortiert Körper gern sehr schnell in jung oder alt, schlank oder kräftig, attraktiv oder unattraktiv, begehrenswert oder nicht begehrenswert. Für Kunst ist diese Einteilung erstaunlich unergiebig. Sie sagt fast nichts darüber aus, ob ein Mensch mit seinem Körper etwas ausdrücken kann.
Nacktheit ist dabei für mich zunächst Reduktion. Kleidung erzählt sehr viel und kann deshalb ausgesprochen nützlich sein. Ein Anzug erzählt etwas anderes als ein Nachthemd, Jeans etwas anderes als Samt, ein weißes Hemd etwas anderes als nackte Haut. Kleidung ordnet einen Menschen kulturell und sozial ein, gibt Hinweise auf Zeit, Rolle, Geschmack, Status und manchmal sogar Absicht. Manchmal brauche ich genau diese Ebene. Oft möchte ich sie gerade nicht. Dann entferne ich sie. Nacktheit macht einen Menschen nicht automatisch wahrer; niemand legt mit seiner Hose gleichzeitig seine sozialen Rollen, Ängste und Widersprüche ab. Aber sie nimmt dem Bild eine Schicht von Zuschreibung. Übrig bleiben Haltung, Bewegung, Spannung, Licht, Schatten und Form. Nacktheit ist in meinen Bildern deshalb kein Versprechen auf Erotik. Sie ist eine Reduktion auf jene Mittel, mit denen ich arbeiten möchte.
Interessant wird es dort, wo der nackte Körper betrachtet wird. Sobald eine Frau unbekleidet in einem Bild erscheint, sehen manche Betrachter zunächst nicht Haltung, Licht, Schatten, Bildaufbau oder Ausdruck. Sie sehen eine nackte Frau. Und aus dieser Wahrnehmung entsteht gelegentlich eine erstaunlich kurze Gedankenfolge: nackt bedeutet erotisch, erotisch bedeutet sexuell, sexuell liegt verdächtig nahe bei pornografisch. Einige Abkürzungen später wird aus einem Bild eine moralische Angelegenheit. Dabei ist Nacktheit zunächst einmal genau das: Nacktheit. Ein unbekleideter Körper kann erotisch sein, selbstverständlich. Er kann aber ebenso verletzlich, abweisend, stolz, erschöpft, monumental, skulptural oder vollkommen unnahbar wirken. Erotik ist eine mögliche Lesart, nicht die automatische Bedeutung sichtbarer Haut.
Auch der Betrachter beteiligt sich schließlich am Bild. Er bringt Erfahrungen, Erwartungen, Wünsche, Ängste und kulturelle Vorstellungen mit. Das gehört zur Kunst und macht ihre Betrachtung überhaupt erst interessant. Nur sollte man unterscheiden zwischen dem, was ein Bild zeigt, und dem, was man selbst darin erkennt. Wer Erotik wahrnimmt, hat Erotik wahrgenommen. Das ist zunächst eine Aussage über seine Wahrnehmung. Erst die genauere Beschäftigung mit Pose, Blick, Bildaufbau, Handlung und Kontext zeigt, ob Erotik tatsächlich das Zentrum des Bildes ist oder ob sie lediglich eine mögliche Reaktion darauf darstellt. Ein nackter Körper besitzt keine eingebaute Gebrauchsanweisung.
Meine fotografische Sprache hat sich am weiblichen Körper entwickelt. Das ist weder eine Wertung des männlichen Körpers noch eine kunsttheoretische Grundsatzentscheidung. Ein männlicher Körper verlangt für mich eine andere Bildsprache. Haltung, Körperspannung, Linienführung und Gewicht verändern sich, Gesten werden anders gelesen, bestimmte Posen bekommen eine andere Bedeutung. Auch die Lichtsetzung funktioniert für mich nicht unabhängig davon. Welche Körperpartien ich hervorhebe, wie ich Volumen forme, welche Linien ich im Schatten verschwinden lasse und welche ich sichtbar mache, hängt mit dem Körper zusammen, den ich fotografiere. Beim weiblichen Körper kann ich meist sehr schnell beurteilen, welche Haltung, welches Licht und welche Linie zu meiner Bildidee passen. Beim männlichen Körper fehlt mir dieser intuitive ästhetische Zugang. Ich sehe die Möglichkeiten nicht in derselben Weise und spüre diese Bildsprache nicht.
Das ist für mich keine Schwäche, die dringend behoben werden müsste, sondern eine künstlerische Begrenzung. Künstlerische Arbeit entsteht auch dadurch, dass man weiß, für welche Motive man eine eigene Sprache entwickelt hat und für welche nicht. Ein Landschaftsfotograf muss nicht irgendwann Architektur fotografieren, damit sein Werk vollständig wird, und ein Porträtist schuldet der Welt keine Serie über Industrieanlagen. Ebenso muss ich nicht jeden menschlichen Körper fotografieren, nur weil er grundsätzlich fotografierbar wäre. Ich arbeite mit jener Ästhetik, in der ich sicher unterscheiden kann, wann eine Linie funktioniert, wann eine Haltung stimmt und wann aus Form Bedeutung entsteht. Bei mir ist das der weibliche Körper.
Entscheidend bleibt für mich ohnehin nicht das Geschlecht, sondern die Präsenz des Menschen im Bild. Wird der Körper lediglich zur Oberfläche, die betrachtet werden soll, oder besitzt er Haltung, Widerstand, Spannung und eine eigene Rolle? Genau dort wird es interessant. Wenn ich von Stolz spreche, möchte ich keine standardisierte Pose. Wenn es um Verletzlichkeit geht, brauche ich keinen aufgesetzten melancholischen Ausdruck, und Widerstand entsteht nicht dadurch, dass jemand besonders entschlossen schaut. Innere Zustände sind komplizierter. Ein gutes Modell versteht, dass eine Haltung nicht attraktiv aussehen muss, sondern etwas tragen soll. Manchmal genügt eine minimale Veränderung, und ich sehe plötzlich: Jetzt ist es da. Das ist der Augenblick, den ich suche. Nicht: Jetzt sieht sie besonders schön aus. Sondern: Jetzt erzählt der Körper.
Dass einige meiner bevorzugten Modelle nicht mehr zwanzig oder dreißig sind, ist deshalb auch kein gesellschaftspolitisches Programm. Junge Körper können großartig sein, ältere ebenso, und beide können fotografisch vollkommen uninteressant sein. Aber unsere Kultur behandelt Alter noch immer häufig so, als würde ein Körper mit zunehmenden Jahren allmählich seine Berechtigung verlieren, sichtbar zu sein. Besonders der weibliche Körper scheint nach bestimmten Vorstellungen irgendwann von „begehrenswert“ zu „bitte angemessen bedecken“ übergehen zu sollen. Diese Grenze interessiert mich nicht. Ein älterer Körper besitzt nicht weniger Ausdrucksmöglichkeiten. Und manchmal besitzt der Mensch darin mehr Erfahrung darin, mit Haltung, Spannung und Präsenz zu arbeiten. Nicht weil jede Falte automatisch eine Geschichte erzählt. Falten sind zunächst einmal Falten. Aber ein Mensch, der Jahrzehnte in seinem Körper gelebt hat und gelernt hat, ihn bewusst einzusetzen, kann damit Dinge ausdrücken, die mich fotografisch interessieren.
Erotik ist dabei übrigens kein Ausschlusskriterium. Ein Körper kann sinnlich sein, eine Haltung erotisch wirken, Licht kann Schönheit erzeugen und ein Bild Begehren auslösen. Das alles ist erlaubt. Erotik ist keine Verunreinigung der Kunst. Die für mich interessante Grenze verläuft nicht zwischen Erotik und Kunst, sondern dort, wo der dargestellte Mensch seine Präsenz verliert und nur noch zum Mittel für einen Effekt wird. Auch diese Grenze lässt sich nicht mit einem Lineal ziehen. Man muss sich mit dem einzelnen Bild beschäftigen, mit seiner Haltung, seinem Blick, seiner Inszenierung und dem Verhältnis zwischen Fotograf, Modell und Betrachter. Das ist mühsamer als ein rasches Etikett, aber meistens auch ergiebiger.
Vielleicht ist deshalb die interessanteste Frage vor einem nackten Körper im Bild nicht: „Darf man das?“ Und auch nicht zuerst: „Ist das erotisch?“ Sondern: „Was sehe ich hier eigentlich – und warum sehe ich es so?“ Ein Bild kann etwas über den dargestellten Menschen erzählen, etwas über den Fotografen und gelegentlich ebenso viel über den Betrachter. Gerade darin liegt die eigentümliche Kraft des menschlichen Körpers in der Kunst. Er ist uns vollkommen vertraut und gleichzeitig mit einem erstaunlichen Vorrat an gesellschaftlichen Erwartungen, Ängsten, Sehnsüchten und Verboten beladen.
Ich suche deshalb keinen schönen Körper. Ich suche keinen jungen Körper, keinen perfekten und auch keinen, der möglichst zuverlässig einer gerade gültigen Vorstellung davon entspricht, was man zeigen, ansehen oder schön finden darf. Ich suche den Menschen, der mit seinem Körper etwas erzählen kann.
Wenn mir das gelingt, ist der Körper nicht das Thema des Bildes.
Er ist seine Sprache.
