Sich mit anderen Augen sehen

Eine Frau lässt sich nackt fotografieren. Sie hat über Jahre gegen ihren Körper gekämpft, erzählt von einer Essstörung und davon, wie sehr die Frage nach dem Essen ihr Leben bestimmt hat. Nun steht sie an einem Weiher vor der Kamera. Später betrachtet sie die Bilder und erkennt darin eine Frau, die ihr gefällt. Sich selbst. Gegen Ende sagt sie: „Ich bin kein Model, ich bin eine Frau, die gelebt hat.“

Die Dokumentation des Bayerischen Rundfunks heißt „Embrace Your Body: Körperbewusstes Foto-Shooting“. Die Fotografin Susanne Heiker begleitet Sandra bei einer Begegnung mit ihrem Körper, die sie sichtbar berührt. Kann ein Shooting helfen, sich mit sich selbst zu versöhnen? Diese Frage bleibt nach dem Beitrag hängen. Ich kenne sie aus meiner eigenen Arbeit, auch wenn ich sie mir zunächst gar nicht ausdrücklich gestellt hatte.

Ich höre sehr häufig konkrete Aussagen darüber, dass Frauen sich auf meinen Bildern anders sehen als zuvor. Manche haben sich darauf zum ersten Mal als richtig schön empfunden. Das ist eine Rückmeldung, über die ich mich als Fotograf freue. Zugleich macht mich dieses erste Mal nachdenklich. Wie viel Kritik, wie viele Urteile und welche Erwartungen liegen zwischen einer Frau und ihrem eigenen Spiegelbild? Wie kommt es, dass sie etwas Schönes an sich erst durch den Blick eines anderen Menschen entdecken kann?

Frauen sind oft ihre härtesten Kritikerinnen, wenn es um den eigenen Körper geht. Härter, als es ihre liebste Feindin sein könnte. Sie wissen genau, welche Stelle vermeintlich zu viel, zu wenig, zu weich oder zu wenig straff ist. Der prüfende Blick hat Übung: Bauch kontrolliert, Beine beanstandet, Urteil bestätigt. Ich kenne nicht immer die Lebensgeschichte hinter einer solchen Reaktion. Aber ich nehme ernst, was mir die Frau über ihren Blick auf sich erzählt.

In Spoleto begegnen mir Bilder, die mich jedes Mal faszinieren, wenn ich auf dem Weg vom Parkhaus in die Stadt daran vorbeikomme. Großformatige Fotografien von Frauen mit Narben, darunter Spuren von Brustoperationen. Ich empfinde diese Aufnahmen als vollkommen frei von Erotik. Sie zeigen starke Frauen mit einer Würde, die mich unmittelbar erreicht. Ich bin richtig neidisch. Solche Bilder würde ich selbst gern machen. Mir fehlen bisher die Frauen, mit denen ich ein entsprechendes Projekt erarbeiten könnte.

Die Ausstellung heißt „Cicatrici Rivelate“, etwa „Sichtbar gemachte Narben“. Sie wurde im Dezember 2024 im Verbindungsgang der Spoletosfera eröffnet. Die Idee stammt von Simona Laudani, der Gründerin des Vereins Prenditi Cura di Te. Fotografiert hat Simone Rossi, gemeinsam mit dem Art Director Federico Gentilini. Das Projekt versammelt die Geschichten von 17 Frauen, deren Körper unter anderem durch Operationen oder Unfälle gezeichnet sind. [1]

Was mich daran so beeindruckt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese Frauen im Bild Raum bekommen. Die Narben sind sichtbar. Aber mein Blick bleibt nicht bei einer vermeintlichen Beschädigung hängen. Ich sehe Frauen. Ihre Körper tragen Geschichte, und diese Geschichte gehört zu ihrer Gegenwart. Ich weiß nicht, was jede einzelne beim Fotografieren oder später beim Betrachten ihrer Bilder empfunden hat. Meine Begeisterung als Betrachter beantwortet diese Frage nicht. Aber die Bilder verändern etwas an meinem Blick. Sie zeigen mir, wie viel eine Fotografie erzählen kann, wenn sie einen Körper nicht auf seine Übereinstimmung mit einem Schönheitsideal reduziert.

Dass Darstellungen anderer Menschen den Blick auf den eigenen Körper beeinflussen, ist gut untersucht. Eine systematische Übersicht von Fioravanti und Kolleginnen aus dem Jahr 2022 wertete 43 Experimente mit insgesamt 8.637 Teilnehmenden aus, überwiegend jungen Frauen. Das Betrachten idealisierter Körper auf sozialen Plattformen erhöhte die Körperunzufriedenheit. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Vergleich des eigenen Aussehens mit den dargestellten Personen. [2]

Die gern bemühte Vorstellung, man sehe ja bloß ein paar Bilder, ist damit zu bequem. In diesen Experimenten beeinflussten die Bilder die momentane Körperzufriedenheit. Wie langfristig solche Wirkungen sind, ist eine weitere Frage. Und es wäre ebenso bequem, dafür ausschließlich Photoshop verantwortlich zu machen. Auch Körperauswahl, Pose, Licht und Kameraperspektive können ein Ideal herstellen. Wer den Retuscheregler nicht berührt hat, ist deshalb noch lange kein neutraler Beobachter.

Andere Darstellungen können wiederum einen freundlicheren Blick unterstützen. Cohen und Kolleginnen untersuchten 2019 bei 195 jungen Frauen die Wirkung körperpositiver Instagram-Beiträge. Gegenüber Idealbildern und Beiträgen ohne Aussehensbezug verbesserten diese kurzfristig Stimmung, Körperzufriedenheit und Körperwertschätzung. Allerdings verstärkten sowohl die Idealbilder als auch die körperpositiven Beiträge die Selbstobjektivierung: Die Frauen betrachteten sich stärker unter dem Gesichtspunkt ihres äußeren Erscheinungsbildes. [3]

Das finde ich bemerkenswert. Man kann zu einem milderen Urteil über seinen Körper kommen und weiterhin damit beschäftigt bleiben, ihn zu beurteilen. Für mich werfen die Bilder in Spoleto deshalb eine Frage auf: Könnte eine Fotografie auch dazu beitragen, dass eine Frau ihren Körper als Teil ihrer Person und ihrer Geschichte wahrnimmt, statt ihn ständig auf seine Attraktivität zu prüfen? Das ist mein Gedanke beim Betrachten dieser Arbeiten, kein nachgewiesener Effekt der Ausstellung.

Zur Wirkung eigener Boudoirbilder gibt es ebenfalls Forschung, wenn auch erheblich weniger. Eine qualitative Untersuchung von Vilca-Deza und Kollegen aus dem Jahr 2025 befragte 14 peruanische Frauen zwischen 23 und 30 Jahren nach ihren Erfahrungen. Sie berichteten unter anderem von größerem Selbstvertrauen, einem neuen Blick auf sich und mehr Akzeptanz für Körpermerkmale wie Narben oder Dehnungsstreifen. Das ähnelt Rückmeldungen, die ich aus meinen Shootings kenne. [4]

Eine kleine Interviewstudie beweist keine allgemeine oder dauerhafte Wirkung. Aber sie macht deutlich, dass solche Erfahrungen auch wissenschaftlich untersucht werden. In einer weiteren Pilotstudie nahmen 40 Frauen nach Brustkrebs teil. Zwanzig erhielten eine fotografische Intervention mit Porträts und persönlicher Reflexion, zwanzig bildeten eine Vergleichsgruppe. Nach drei Wochen zeigte sich in der Porträtgruppe eine Verbesserung des Körperbildes. Die Gruppen waren allerdings nicht zufällig zusammengestellt, und die Fotografie war Teil eines psychosozialen Angebots. Ein gewöhnliches Aktshooting wurde hier nicht untersucht. [5]

Die Forschung gibt uns also Hinweise. Sie erlaubt weder, jede begeisterte Rückmeldung als flüchtige Stimmung abzutun, noch, einem Shooting einen verlässlichen therapeutischen Nutzen zuzuschreiben. Die meisten Frauen in den genannten Boudoir- und Social-Media-Untersuchungen waren außerdem wesentlich jünger als viele der Frauen, die ich fotografiere.

Was kann ich als Fotograf zu einer solchen Erfahrung beitragen? Zunächst muss ich die Voraussetzungen schaffen, dass sich die Frau bei mir und während der Arbeit wohlfühlen kann. Bei mir beginnt das mit einem Gespräch, selbst zubereiteten Snacks und einem Glas Prosecco. Im Plauderton klären wir Fragen auf beiden Seiten. Weshalb möchte sie diese Bilder? Einfach für sich selbst? Das kommt gerade bei Boudoirshootings erstaunlich oft vor. Als Geschenk für ihren Partner? Als persönliche Mutprobe? Ich frage gezielt danach, was sie an ihrem Körper als problematisch empfindet. Sie kann ihrerseits alles fragen, was ihr zum Ablauf oder zu unserer Zusammenarbeit noch unklar ist.

So erfahre ich, was sie sich von den Bildern erhofft und worauf ich bei der Gestaltung achten muss. Zugleich schaffen wir das Vertrauen, das diese Arbeit erst möglich macht. Nur wenn sich ein Model wohlfühlt, können die Bilder entstehen, mit denen sowohl sie als auch ich einverstanden sind.

Susanne Heiker nutzt im BR-Beitrag eine Klangreise zum Ankommen. Ich meditiere selbst und leite als Geomant Meditationen an. Mit Klangschalen arbeite ich allerdings nicht, und Meditationen gehören nicht zu meiner fotografischen Arbeit. Sie hat dafür ihren Zugang, ich meinen. Sandra scheint sich auf diese Einstimmung gut einlassen zu können.

Ein Aktshooting ist ein verletzlicher Moment. Ich bin bekleidet, sie ist nackt. Ich gebe Anweisungen, wie sie sich zeigen soll. Mit dieser Ungleichheit muss ich sorgsam umgehen. Während des Shootings gibt es bei mir keine Komplimente über ihren Körper. Keine Bemerkungen darüber, wie toll ihre Figur, ihre Beine oder ihre Brüste seien. In diesem Moment bin ich Fotograf. Ich lobe eine gelungene Pose, eine passende Mimik, einen Blick, der das Bild trägt. Eine Frau soll dabei nicht damit konfrontiert werden, wie ich sie als Mann finde.

Mir ist auch aufgefallen, dass mein körperlicher Abstand zur Frau während eines Aktshootings beinahe doppelt so groß wird wie in einer gewöhnlichen sozialen Begegnung. Eine Begleitperson ist mir durchaus willkommen. Sie kann beispielsweise Haare richten oder andere kleine Handgriffe übernehmen. Vertrauen zeigt sich auch darin, wie ich mit dem Raum zwischen uns umgehe.

Bei allem, was ein Shooting emotional auslösen kann, bleibt es fotografische Arbeit. Sandra sagt im BR-Beitrag sinngemäß, entscheidend sei die innere Perspektive, nicht die Kameraperspektive. Als Beschreibung ihres Erlebens verstehe ich das. Als allgemeine Aussage greift es zu kurz. Durch Pose, Licht und Kamerawinkel kann eine Frau so viel schlanker erscheinen, als hätte sie zehn Kilogramm weniger. Erhobene Arme können die Brust gestraffter wirken lassen. Dafür brauche ich keine Retusche. Das ist Handwerk.

Diese Möglichkeiten zu kennen bedeutet nicht, jede Frau möglichst schlank und straff darstellen zu müssen. Welche Bilder wir suchen, ergibt sich aus unserem Gespräch und unserer gemeinsamen Arbeit. Aber die Gestaltung beeinflusst, was sie später sieht. Eine sorgfältig gemachte Aufnahme kann ihr etwas an sich zeigen, das ihr eigener Blick bisher übersehen hat. Dass das Bild gestaltet wurde, macht ihre Freude daran nicht weniger echt.

Kann das heilsam sein? Die Dramaturgie der BR-Dokumentation legt einen Weg vom früheren Körperkrieg zur Selbstannahme nahe. Die Sprechertexte schreiben dem Vorgehen der Fotografin eine deutliche Wirkung zu. Die Fotografin selbst verspricht im vorliegenden Beitrag jedoch keine Heilung. Sandras Erzählung zeigt außerdem, dass ihre Veränderung schon vorher begonnen hatte. Vielleicht bestärkt das Shooting diesen Weg. Vielleicht macht es etwas sichtbar, das in ihr bereits gewachsen ist.

Sich während eines Shootings wohlzufühlen, sich auf den Bildern schön zu finden und sich dauerhaft mit seinem Körper zu versöhnen sind unterschiedliche Erfahrungen. Sie können zusammenhängen. Ich höre sehr häufig konkrete Aussagen über einen veränderten Blick auf sich selbst. Diese Aussagen nehme ich ernst, auch wenn sie mir nicht verraten, wie lange die Veränderung trägt. Mich interessiert, ob etwas davon in den Alltag mitgeht: Kann eine Frau das, was sie auf dem Bild entdeckt hat, auch vor ihrem Badezimmerspiegel wiederfinden?

Wenn Sie selbst mit dem Gedanken spielen, solche Bilder machen zu lassen, suchen Sie sich einen Fotografen oder eine Fotografin, bei dem oder der die Chemie stimmt. Nehmen Sie sich Zeit für ein Gespräch. Sie müssen sich während des Shootings fallen lassen können und darauf vertrauen, dass Ihre Wünsche und Grenzen respektiert werden. Und wenn Sie diese Zeit für sich, für Ihre Person und Ihren Körper sogar ein wenig genießen können, umso besser.

Ich kann keine Versöhnung versprechen. Ich kann die fotografische Begegnung sorgfältig gestalten. Was daraus für eine Frau entsteht, gehört zu ihrer Erfahrung. Ihre Rückmeldungen und die Bilder in Spoleto lassen mich darüber nachdenken, was unser Blick sichtbar macht und was er gewöhnlich übersieht. Sandra sieht am Ende eine Frau, die gelebt hat. Und diese Frau gefällt ihr.

Quellen

Ausgangspunkt: Bayerischer Rundfunk – Embrace Your Body, bereitgestelltes Transkript; wörtliches Zitat bei etwa 7:01–7:09.

[1] Comune di Spoleto – Cicatrici Rivelate und F.A.V.O. – Projektbeschreibung.

[2] Fioravanti et al. (2022) – How the Exposure to Beauty Ideals on Social Networking Sites Influences Body Image.

[3] Cohen et al. (2019) – BoPo on Instagram.

[4] Vilca-Deza et al. (2025) – Representation of Peruvian Women’s Identity and Empowerment Through Boudoir Photography.

[5] Implementing the framed portrait experience with Italian breast cancer survivors (2023).

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