Teil I – Vom privaten Zimmer zum persönlichen Bild
Ich habe in meinen Beiträgen wiederholt von Boudoirfotografie gesprochen. Von ihrer Eleganz, ihrer Sinnlichkeit und davon, dass ich auch entsprechende Auftragsarbeiten anbiete. Nur eine Kleinigkeit habe ich dabei großzügig vorausgesetzt: dass der geschätzte Leser und die werte Leserin überhaupt wissen, was ich damit meine.
Es ist also Zeit für eine Erklärung. Und weil bei mir der Hobbyhistoriker selten lange stillsitzt, beginnen wir mit der Geschichte dahinter. Mein eigener Weg zum Boudoir und die fotografische Arbeit folgen im zweiten Teil.
Zur ersten Orientierung: Boudoirfotografie bezeichnet heute sinnliche, persönlich wirkende Porträts in einer Atmosphäre von Privatheit. Kleidung, Dessous und Nacktheit können dabei eine Rolle spielen. Wie viel Haut zu sehen ist, erklärt das Genre allerdings noch nicht. Körperteile sind keine Genredefinition. Auch dann nicht, wenn man einen französischen Begriff darüberlegt.
Zuerst war da ein Zimmer
Bevor das Boudoir eine fotografische Vorstellung bezeichnete, war es ein Raum. Ein privates, häufig elegant eingerichtetes Zimmer einer Frau, in das sie sich zurückziehen oder Menschen empfangen konnte, die ihr nahestanden. So beschreibt es auch das historische Wörterbuch der Académie française.
Ein Boudoir war also nicht einfach ein Schlafzimmer. Entscheidend war die Privatheit: Hier bewegte man sich außerhalb der förmlichen Öffentlichkeit, allein oder in ausgewählter Gesellschaft.
Darin liegt für mich die verständlichste Verbindung zur heutigen Fotografie. Ein Boudoirbild vermittelt den Eindruck eines persönlichen Augenblicks. Es kann Nähe zeigen, Ruhe, Selbstbewusstsein oder ein spielerisches Verhältnis zum eigenen Körper. Die fotografierte Person erscheint in einer Situation, zu der normalerweise nicht jeder Zugang hätte.
Dieser Eindruck kann sorgfältig inszeniert sein. Wie wir beim Thema Posing bereits festgestellt haben, entsteht fotografische Beiläufigkeit nicht zwingend beiläufig. Auch ein scheinbar zufälliger Blick kann mehrere Versuche gebraucht haben.
Manchmal war Boudoir einfach mehr Karton
Wer in alten Fotokatalogen nach dem Begriff sucht, gerät leicht auf eine falsche Fährte.
Im 19. Jahrhundert ließ man sich im Fotoatelier porträtieren und bestellte Abzüge zum Verschenken, Verschicken oder Aufbewahren. Verwandte und Freunde tauschten ihre Bildnisse aus und sammelten sie in Alben. Dazu kamen käufliche Porträts berühmter Persönlichkeiten. Im Album konnte die eigene Tante also durchaus neben einer gefeierten Schauspielerin landen. Gesellschaftlicher Aufstieg durch Umblättern.
Viele dieser Fotografien wurden auf feste Kartonkarten geklebt. Der Karton gab den dünnen Abzügen Halt und bot dem Atelier Platz für Namen und Werbung. Gebräuchlich waren unter anderem die kleine Carte de Visite, ungefähr im Visitenkartenformat, und die größere Cabinet Card. Solche Bilder waren Erinnerungsstücke, Geschenke und kleine häusliche Schaustücke. Das National Science and Media Museum erläutert diese fotografische Kartenwelt.
Zu den Varianten gehörte die Boudoir Card. Der Name bezeichnete hier ein Format, nicht die Art der Darstellung. Das Getty Research Institute ordnet Boudoirfotografien entsprechend als Kartenformat ein. Selbst Landschafts- und Eisenbahnaufnahmen wurden auf solchen Karten angeboten. Die Lokomotive musste dafür keine Dessous tragen.
Wer in einem historischen Katalog auf eine „Boudoir“-Fotografie stößt, darf deshalb nicht automatisch eine frühe sinnliche Aufnahme vermuten. Der erwartete Skandal besteht womöglich lediglich aus mehr Karton.
Die Bilder sind älter als die eindeutige Bezeichnung
Wann wurde daraus Boudoirfotografie in unserem heutigen Verständnis? Ein eindeutiges Geburtsdatum lässt sich aus den hier herangezogenen Quellen nicht ableiten. Das Auftauchen eines Wortes, ähnliche Bildmotive und ein unter diesem Namen verkauftes fotografisches Angebot sind verschiedene Dinge.
Die Medienwissenschaftlerin Michele White nennt in ihrer Untersuchung von 2013 Zeitungsbeiträge von 1914 und 1915 über Boudoiraufnahmen im Negligé und Fotografien im Bett. Für 1984 verweist sie auf einen Artikel, der Boudoirfotografie als neueste Mode aus Kalifornien vorstellt. Das belegt frühe Motive und spätere Vermarktung, kein Erfindungsdatum. Diese Hinweise stammen aus Whites Recherche; die ursprünglichen Zeitungsseiten habe ich nicht selbst eingesehen.
Auch eine ältere Frau im Negligé wird durch unsere heutige Wortwahl nicht nachträglich zur Boudoirkundin. Ähnliche Motive können sehr unterschiedlichen Zwecken dienen: einer persönlichen Erinnerung ebenso wie einer öffentlich verkauften Fantasie. Ein Nachthemd allein erklärt die Entstehungsgeschichte eines Bildes nicht.
Die Frau bestellt ihr eigenes Bild
Mit dem Boudoirshooting als persönlicher Auftragsarbeit tritt eine wichtige Frage in den Vordergrund: Für wen wird dieses Bild gemacht?
Die porträtierte Frau ist bei einem solchen Auftrag selbst die Kundin. Sie steht nicht lediglich Modell für eine Aufnahme, die ein Verlag oder ein Werbekunde benötigt. Sie bestellt ihre eigenen Fotografien und bringt ihre Vorstellungen davon mit, wie sie darin erscheinen möchte.
Das verändert die Aufgabe. Ein persönliches Album stellt andere Anforderungen als eine Aufnahme, die möglichst viele unbekannte Menschen zum Kauf einer Zeitschrift bewegen soll. Licht, Haltung und Kleidung können ähnlich sein. Der Zweck der Bilder und die Rolle der fotografierten Person unterscheiden sich dennoch.
Die Kundin muss dafür keine fotografische Ausbildung mitbringen. Ihre Wünsche zu verstehen und eine passende Bildsprache zu entwickeln gehört zur Arbeit des Fotografen. Ein Auftrag wird nicht dadurch erfüllt, dass man eine Frau in Dessous vor die Kamera stellt und anschließend eine Rechnung schreibt.
Keine Grenze entlang des BHs
Aktfotografie beschäftigt sich mit dem unbekleideten Körper. Das Ergebnis kann erotisch sein, muss es aber nicht. Ein Körper kann als Form erscheinen, als Bewegung, als verletzliche menschliche Gegenwart oder beinahe als Landschaft.
Beim Boudoir steht die sinnliche, persönlich wirkende Darstellung im Vordergrund. Sie kann bekleidet entstehen, in Dessous oder mit Nacktheit. Akt und Boudoir können sich deshalb überschneiden. Hinzu kommen mögliche Anleihen beim Glamour, also bei einer besonders attraktiven, häufig idealisierten Inszenierung.
Für die Einordnung hilft es, nach der Absicht und der Wirkung des Bildes zu fragen. Geht es vor allem um Körperform und Komposition? Um eine persönliche sinnliche Darstellung? Um eine demonstrativ glamouröse Erscheinung? Ein einzelnes Bild kann mehrere dieser Aufgaben verbinden.
Ein Bett macht aus einem Porträt ebenso wenig automatisch Boudoir wie Schwarz-Weiß aus einer Aufnahme automatisch Kunst. Die bloße Feststellung „Da sieht man etwas“ ist als fotografische Analyse ein wenig genügsam.
Für den Partner und für sich selbst
Eine verführerisch einfache Geschichte lautet: Früher machten Frauen solche Bilder für Männer, heute machen sie sie für sich selbst.
So ordentlich hält sich die Wirklichkeit nicht an unsere Erzählungen. White verweist bereits für 1988 auf beide Motive: das Geschenk für einen Partner und die Freude daran, sich selbst etwas zu gönnen. Ihre Analyse von mehr als zweitausend Beiträgen aus Hochzeitsforen zeigt ebenfalls unterschiedliche, miteinander verbundene Beweggründe. Es handelt sich dabei um eine Untersuchung bestimmter Foren, nicht um eine repräsentative Befragung aller Boudoirkundinnen.
Mich überzeugt diese Gleichzeitigkeit mehr als eine Fortschrittsgeschichte mit sauber getrennten Epochen. Eine Frau kann ihrem Partner Bilder schenken und selbst Freude daran haben. Sie kann vertraute Schönheitsvorstellungen aufgreifen und sich dennoch bewusst für genau diese Darstellung entscheiden.
Umgekehrt ist ein sinnliches Bild nicht allein deshalb selbstbestimmt, weil jemand das Wort „Empowerment“ in die Angebotsbeschreibung geschrieben hat. Auch ein englisches Substantiv ersetzt kein vernünftiges Gespräch.
Welche Bedeutung die Bilder später für das eigene Körperbild bekommen können, habe ich im vorangegangenen Beitrag „Sich mit anderen Augen sehen“ besprochen. Hier geht es zunächst darum, welche Art von Fotografie eine Frau überhaupt bestellt.
Was vom Zimmer geblieben ist
Vom ursprünglichen Boudoir muss heute kein konkreter Raum übrig sein. Für mein Verständnis bleibt vor allem die Vorstellung eines persönlichen Bereichs: eine Frau, ihre Sinnlichkeit und eine Darstellung, über die sie mitentscheidet.
Der Eindruck von Privatheit lässt sich inszenieren. Der respektvolle Umgang mit der porträtierten Person sollte dagegen keine Inszenierung sein.
Damit sind wir an dem Punkt angekommen, an dem die Begriffsgeschichte in meine eigene Arbeit übergeht. Was verstehe ich unter Eleganz? Wie entsteht Sinnlichkeit, ohne dass jemand demonstrativ verführerisch schauen muss? Und wie viel Vorbereitung steckt in einem Bild, das mühelos aussieht?
Davon handelt der zweite Teil: von meinem Weg aus der Foodfotografie ins Boudoir und davon, was Licht, Haltung und Kleidung zu einer persönlichen Darstellung beitragen. Ein Holzfällerhemd wird ebenfalls vorkommen.
Die Knöpfe sind jedenfalls nicht das Entscheidende.
