Boudoirfotografie

Teil II – Sinnlichkeit ist keine Frage der Knopfzahl

Im ersten Teil ging es um das Boudoir als Zimmer, als fotografisches Kartenformat und schließlich als persönliche sinnliche Darstellung. Nun wird es praktischer. Wie entstehen solche Bilder? Was suche ich dabei? Und weshalb kann ein Holzfällerhemd mehr beitragen als ein aufwendig zusammengestelltes Dessousensemble?

Mein Weg führte zunächst über die Foodfotografie. Als ich einem Bekannten erzählte, dass ich Foodfotografie mache, winkte er ab und meinte, Füße seien nicht sein Fetisch. Ich hatte von Essen gesprochen. Er war bereits bei einer ganz anderen Vorliebe angekommen. Es lohnt sich gelegentlich, vor der Bewertung eines fotografischen Genres zunächst dessen Schreibweise zu klären.

Später wurde Boudoirfotografie für mich zu einem wichtigen Teil meiner fotografischen Entwicklung. Hier lernte ich viel über Lichtsetzung, Posing und die Führung eines Models. Vor allem aber musste ich herausfinden, welche Art von Sinnlichkeit mich interessiert. Man kann eine Menge Haut fotografieren und trotzdem ein erstaunlich unpersönliches Bild erhalten. Die Kamera dokumentiert dann gewissenhaft, dass jemand wenig anhat. Das ist eine Feststellung. Noch keine Bildidee.

Eleganz vor demonstrativer Verführung

Wenn ich meine Vorstellung von Boudoir in Zahlen fassen müsste, wären es ungefähr sechzig bis siebzig Prozent Eleganz und der Rest Erotik. Das ist keine Rezeptur, die ich während des Shootings nachwiege. Es beschreibt meine Gewichtung: Haltung, Ausdruck und die Gestaltung des Bildes tragen für mich die Sinnlichkeit.

Eleganz entsteht dabei nicht allein durch kostbare Kleidung oder eine luxuriöse Umgebung. Mich interessieren Linien, Kurven, Dreiecke und die Übergänge zwischen Haut, Stoff und Licht. Eine leichte Drehung des Oberkörpers kann eine Haltung verändern. Die Stellung einer Hand kann Ruhe oder Spannung hineinbringen. Ein Blick kann Nähe schaffen, ohne dem Betrachter demonstrativ etwas anzubieten.

Das Holzfällerhemd gehört deshalb keineswegs versehentlich in diese Überlegungen. Ein vertrautes Kleidungsstück kann eine persönliche Wirkung haben, die sich mit aufwendig ausgewählter Lingerie nicht automatisch herstellen lässt. Stoff, Haltung und Ausdruck entscheiden mit. Ein Hemd ist nicht von sich aus sinnlich, ebenso wenig wie Spitzenunterwäsche eine gute Fotografie garantiert. Das Kleidungsstück bringt Möglichkeiten mit. Wir müssen etwas daraus machen.

Wie viele Knöpfe geöffnet sind, bleibt dabei eine gestalterische Entscheidung. Es gibt keinen Punkt auf der Knopfleiste, an dem gewöhnliche Fotografie amtlich in Boudoir übergeht.

Eine Frau muss keine fertige Pose mitbringen

Bei einem Auftrag fotografiere ich eine Frau, die Bilder von sich möchte. Sie muss dafür keine geübte Modellerfahrung mitbringen. Es ist meine Aufgabe, sie anzuleiten und gemeinsam mit ihr Haltungen zu finden, die zur gewünschten Darstellung passen.

„Sei sexy“ ist dafür eine ziemlich dürftige Anweisung. Man könnte einem Menschen beim Klavierunterricht ebenso gut sagen: „Spiel schön.“ Das beschreibt bestenfalls eine Hoffnung und überlässt die gesamte Arbeit dem Gegenüber.

Hilfreich wird eine Anleitung, wenn sie konkret ist. Wohin mit der Hand? Wie weit den Oberkörper drehen? Soll der Blick zur Kamera gehen oder an ihr vorbei? Was verändert sich, wenn die Schultern ruhiger werden oder das Gewicht anders verteilt ist? Aus solchen kleinen Entscheidungen entsteht eine Haltung. Die Frau kann ausprobieren, wie sie sich darin fühlt, und ich sehe, wie sie im Bild wirkt.

Ein mitgebrachtes Referenzbild kann dabei ein guter Anfang sein. Es zeigt mir, was sie anspricht. Es ist aber keine Vorschrift, die wir möglichst exakt erfüllen müssten. Eine Pose entsteht mit einem bestimmten Körper, einer Kameraposition, Kleidung und Licht. Wenn wir sie übernehmen, müssen wir sie an unsere Situation anpassen. Sonst kopieren wir zwar die Stellung der Gliedmaßen, verlieren aber möglicherweise alles, was das ursprüngliche Bild interessant gemacht hat.

Ebenso wenig muss jede Frau verführerisch in die Kamera schauen. Ein ruhiger oder abgewandter Blick kann viel stärker sein. Entscheidend ist, ob der Ausdruck zur Person und zum Bild passt. Eine aufgesetzte Verführungsmimik bleibt aufgesetzt, auch bei tadelloser Unterwäsche.

Das Licht macht keine Pause

Was auf einer Fotografie leicht und selbstverständlich aussieht, kann beträchtliche Vorbereitung brauchen. Licht muss gesetzt und die Kameraposition gewählt werden. Auch die Pose entwickeln wir gemeinsam. Dabei wird selbstverständlich nicht am Model hantiert. Ich erkläre die Haltung und zeige sie vor; die Frau nimmt sie selbst ein und verändert sie anhand meiner Hinweise. Gerade an den Übergängen zwischen Haut und Stoff entscheidet sich viel.

Wenn eine Erklärung allein nicht genügt, fotografiere ich mitunter auch eine ungünstige Position und zeige ihr die Aufnahme. So kann ich am Bild erklären, was mir an der Haltung nicht gefällt und wie eine Veränderung besser wirken könnte. Eine zweite Aufnahme macht den Unterschied sichtbar. Wir sprechen dabei über die Wirkung einer Pose im Bild. Ihr Körper steht nicht zur Bewertung.

Licht kann Konturen hervorheben, Flächen ruhig erscheinen lassen oder den Blick auf einen bestimmten Bereich führen. Schatten können eine Form weiterführen und zugleich etwas offenlassen. Dabei interessiert mich, wie die Frau im Bild erscheint und welche Stimmung die Gestaltung erzeugt.

Auch die Kameraposition gehört dazu. Was der Kamera näher ist, kann im Verhältnis größer wirken; der Blickwinkel verändert, wie sich Körperformen überlagern. Deshalb reicht es nicht, eine Pose isoliert zu betrachten. Ich muss sie von der tatsächlichen Kameraposition aus beurteilen. Was im Raum überzeugend aussieht, kann in der zweidimensionalen Fotografie eine ganz andere Wirkung haben.

Das Model soll diese technischen Fragen nicht für mich lösen müssen. Sie darf sich auf die Zusammenarbeit konzentrieren. Ich bin dafür verantwortlich, dass Pose, Licht und Perspektive zusammenkommen. Ein misslungenes Bild mit dem Hinweis zu erklären, die Frau habe eben nicht richtig gewusst, wie sie stehen müsse, wäre eine ausgesprochen bequeme Form der Arbeitsteilung.

Die Vorbereitung sieht man hoffentlich nicht

Vor dem Shooting klären wir, welche Bilder entstehen sollen und welche Kleidung dafür sinnvoll ist. Dazu gehören auch praktische Kleinigkeiten, die auf der fertigen Aufnahme erstaunlich groß werden können: ein störendes Etikett, ein ungünstig sitzender Träger, Stoff, der sich an der falschen Stelle staut. Je früher wir darauf achten, desto weniger müssen wir später korrigieren.

Eng anliegende Kleidung kann außerdem Druckstellen auf der Haut hinterlassen. Wenn sowohl Akt- als auch Dessousaufnahmen vorgesehen sind, kann es deshalb sinnvoll sein, die Aktbilder vor den Aufnahmen mit enger Lingerie zu machen. Das ist eine mögliche Reihenfolge, keine Verpflichtung. Ob und wann Nacktheit überhaupt vorkommt, ergibt sich aus der Vereinbarung und daraus, womit sich die Frau wohlfühlt.

Es ist jedenfalls wenig sinnvoll, minutenlang an einer feinen Lichtführung zu arbeiten und dann festzustellen, dass der BH einen zweiten Bildaufbau in die Haut gedrückt hat.

Zur Vorbereitung gehört ebenso, Zeit zum Ankommen und Pausen einzuplanen. Ich sage immer: „Wir machen kein Shooting. Wir machen ein Fest für Ihre Schönheit.“ Eine Frau nimmt sich diese Zeit für sich, für ihre Person und ihren Körper. Sie darf sie genießen und Freude daran haben, sich zu zeigen. Meine Aufgabe ist es, dieses Fest so zu gestalten, dass sie die gemeinsame Arbeit auch so empfindet. Das muss sich im Umgang mit ihr, im Ablauf und schließlich in den Bildern zeigen. Die Fotografien sollen dem gerecht werden, was sie in dieser Zeit erlebt hat.

Über das Vorgespräch, Vertrauen und den sorgsamen Umgang mit der verletzlichen Situation habe ich im Beitrag „Sich mit anderen Augen sehen“ ausführlicher geschrieben. Für die fotografische Arbeit ist daran entscheidend: Ich muss ihre Vorstellungen verstehen, damit die Bilder zu ihr passen. Ein angenehmer Ablauf und eine sorgfältige Bildgestaltung gehören zusammen.

Was eine Begleitperson beitragen kann

Eine Begleitperson ist mir willkommen. Sie kann beispielsweise Haare richten oder bei kleinen Anpassungen an der Kleidung helfen. Das erleichtert die Arbeit und kann der Frau zusätzliche Sicherheit geben.

Diejenige, die fotografiert wird, bleibt dabei meine Ansprechpartnerin. Wir entwickeln ihre Bilder. Eine Begleitung soll sie unterstützen, nicht stellvertretend festlegen, wie sie aussehen oder sich zeigen soll. Das gilt auch dann, wenn die Fotografien später als Geschenk gedacht sind.

Während der Aufnahmen beziehen sich meine Rückmeldungen auf das Bild: auf eine gelungene Pose, einen passenden Ausdruck oder einen Blick. Körperkomplimente gehören nicht zu meiner Arbeitsweise. In diesem Moment bin ich Fotograf.

Boudoir und Artis Umbrae

Boudoir war für mich auch eine Schule, aus der ich viel in meine weitere Arbeit mitgenommen habe. Licht, Haltung und Ausdruck beschäftigen mich ebenso bei Artis Umbrae. Die Absicht kann dort jedoch eine andere sein.

Bei einer Boudoirauftragsarbeit steht die persönliche sinnliche Darstellung der Frau im Mittelpunkt. Bei Artis Umbrae arbeite ich mit Körper, Schatten, Schrift und kunsthistorischen Bezügen an einer Bildidee. Anklänge an Art Deco und Ausdruckstanz gehören zu meiner Bildsprache. Der Körper kann eine Form tragen, eine Spannung erzeugen oder Teil einer Aussage werden.

Dass dabei Nacktheit vorkommt, sagt noch nichts darüber, wie erotisch das Ergebnis ist. Die Kategorien lassen sich nicht sauber nach der Garderobe sortieren. Aber es macht einen Unterschied, ob ich eine persönliche Darstellung für eine Kundin entwickle oder mit einem Model an einem künstlerischen Konzept arbeite.

Was ich in der Boudoirfotografie gelernt habe, bleibt in beiden Fällen wichtig: Ein Körper vor der Kamera wird nicht allein dadurch zum Bild, dass er vorhanden ist. Haltung, Licht und Ausdruck müssen etwas miteinander anfangen.

Das persönliche Bild

Für mich gelingt Boudoir, wenn die Frau und ich eine Darstellung erarbeiten, die sie gern als ihre eigene erkennt. Das kann elegant, sinnlich, spielerisch oder ruhig sein. Dafür gibt es keine verpflichtende Mimik und keine vorgeschriebene Menge sichtbarer Haut.

Die scheinbare Mühelosigkeit solcher Bilder entsteht häufig durch sehr genaue Arbeit. Die Frau darf dabei entdecken, was ihr gefällt, ausprobieren und die Zeit für sich genießen. Meine Aufgabe ist es, ihre Vorstellungen in eine fotografische Form zu bringen.

Auch ein Holzfällerhemd kann dazu gehören.

Die Knöpfe können warten. Zuerst brauchen wir ein Bild.

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