Ravenna – zwischen Goldmosaiken und Gegenwartskunst

Wer nach Ravenna reist, reist meist in die Vergangenheit.

Die Stadt gehört zu den großen kunsthistorischen Schatzkammern Europas. Frühchristliche Kirchen, byzantinische Mosaiken von überwältigender Schönheit, das Mausoleum der Galla Placidia, San Vitale oder Sant’Apollinare – kaum eine andere Stadt erlaubt einen derart unmittelbaren Blick auf eine Welt, die vor eineinhalb Jahrtausenden entstand und bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat. Selbst Dante fand hier seine letzte Ruhestätte.

Man könnte daher leicht den Eindruck gewinnen, Ravenna sei vor allem ein Ort der Erinnerung. Eine Stadt, deren größte künstlerische Leistungen längst vollbracht wurden.

Doch dieser Eindruck täuscht.

Neben den weltberühmten Zeugnissen der Vergangenheit besitzt Ravenna eine lebendige Gegenwartskunstszene. Museen, Ausstellungen und kleinere Galerien zeigen, dass Kunst hier nicht mit dem Ende des Byzantinischen Reiches aufgehört hat.

Während meine Frau die umliegenden Geschäfte erkundete – eine Tätigkeit, für die mir nach wie vor jedes Talent fehlt –, zog es mich in eine kleine Galerie, die wir eher zufällig entdeckt hatten: die Ravenna Art Gallery in der Via IV Novembre 23/D, etwas versteckt in einem Innenhof der Altstadt.

Klein ist eigentlich noch untertrieben. Wahrscheinlich gehört sie zu den kleinsten Galerien, die ich bisher besucht habe. Umso größer war die Überraschung beim Betreten der Räume.

Die ausgestellten Werke stammten von sehr unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern, arbeiteten mit verschiedenen Techniken und Themen und ließen dennoch eine klare kuratorische Handschrift erkennen. Vor allem aber war die Qualität der gezeigten Arbeiten bemerkenswert. Man erwartet in einer so kleinen Galerie vielleicht Liebhaberei oder regionale Kunst. Tatsächlich fanden sich hier Werke, die man ebenso gut in deutlich größeren Häusern vermuten würde.

Besonders angenehm war der Empfang. Statt der gelegentlich anzutreffenden Galerieatmosphäre zwischen Ehrfurcht und Berührungsangst begegnete man mir mit echter Freundlichkeit, Interesse und großer Offenheit. Aus einem kurzen Besuch wurde ein längeres Gespräch über Kunst, Künstler, Ausstellungen und die Rolle kleiner Galerien in einer Zeit, in der vieles immer größer, schneller und lauter werden muss.

Gerade solche Orte erinnern daran, dass Kunst nicht nur in den großen Museen und auf den internationalen Messen lebt. Oft sind es die kleinen Galerien, die mutig neue Positionen zeigen, persönliche Begegnungen ermöglichen und Raum für Gespräche schaffen, die andernorts kaum entstehen würden.

Wer Ravenna besucht, sollte sich deshalb nicht ausschließlich den berühmten Mosaiken widmen. Sie sind zweifellos eine Reise wert. Doch ebenso lohnend ist ein Blick auf die Gegenwart.

Die Ravenna Art Gallery mag klein sein. Gerade darin liegt ein Teil ihres Charmes. Vor allem aber zeigt sie, dass Größe und Qualität nicht zwangsläufig miteinander zusammenhängen.

Ein Besuch ist jedenfalls zu empfehlen.

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