Teil 1: Was ist Kitsch? Eine Frage, die jeder zu kennen glaubt
Auf einer meiner vielen Reisen verbrachte ich einige Tage in Treviso. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer von Venedig entfernt und wird von ihrem berühmten Nachbarn oft überschattet. Zu Unrecht, wie ich finde. Treviso besitzt jene unaufgeregte Eleganz, die man in vielen norditalienischen Städten findet: Arkaden, Wasserläufe, kleine Plätze, jahrhundertealte Fassaden und die angenehme Gelassenheit eines Ortes, der niemandem mehr etwas beweisen muss.
Über dem Bett meines Hotelzimmers hing ein Kunstdruck. Kein röhrender Hirsch, keine Alpenlandschaft und keine Blumenwiese. Es waren die berühmten Engel aus Raffaels Sixtinischer Madonna. Jene beiden Engel, die heute vermutlich berühmter sind als das Gemälde, dem sie ursprünglich entstammen. Man findet sie auf Postkarten, Kalendern, Kaffeetassen, Grußkarten, Notizbüchern und unzähligen Kunstdrucken. Millionen Menschen kennen sie, selbst wenn sie nie ein Kunstmuseum betreten haben.
Während ich dort lag und die Engel betrachtete, schlich sich ein Gedanke ein, der mich selbst irritierte. Irgendetwas daran wirkte auf mich kitschig. Nicht besonders kitschig. Nicht geschmacklos. Nicht peinlich. Aber doch irgendwie kitschig.
Sofort meldete sich mein innerer Kunsthistoriker zu Wort.
Wie bitte?
Raffael? Kitsch?
Allein der Gedanke, Raffael mit Kitsch in Verbindung zu bringen, erschien mir zunächst wie kunsthistorische Blasphemie. Schließlich sprechen wir hier nicht über irgendeinen Maler. Wir sprechen über einen der bedeutendsten Künstler der europäischen Kunstgeschichte. Die Sixtinische Madonna gilt als Meisterwerk der Hochrenaissance. Generationen von Kunsthistorikern haben sich mit ihr beschäftigt.
Offenbar lag das Problem also nicht bei Raffael. Aber wo lag es dann?
Das Merkwürdige war, dass mir das Wort „Kitsch“ sofort zur Verfügung stand. Es stellte sich ohne Einladung ein. Offenbar glaubte ein Teil meines Gehirns genau zu wissen, was Kitsch ist. Als ich jedoch versuchte, diese Gewissheit in Worte zu fassen, löste sie sich erstaunlich schnell auf. Je länger ich über eine Definition nachdachte, desto unsicherer wurde ich.
Vielleicht geht es vielen Menschen ähnlich. Versuchen Sie es einmal selbst. Was ist Kitsch? Nicht spontan. Nicht aus dem Bauch heraus. Sondern als Definition. Die meisten Menschen geraten erstaunlich schnell ins Schleudern.
Ist Kitsch schlechter Geschmack? Ist Kitsch sentimentale Kunst? Ist Kitsch massenhaft reproduzierte Kunst? Ist Kitsch das Gegenteil von Kunst? Oder ist Kitsch vielleicht gar keine Eigenschaft eines Werkes, sondern eine Reaktion des Betrachters?
Je länger ich suchte, desto mehr stellte ich fest, dass ich keineswegs der Erste war, der über diese Frage stolperte. Im Gegenteil. Einige der klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts haben sich ausführlich mit Kitsch beschäftigt. Und erstaunlicherweise waren sie sich alles andere als einig.
Bereits die Herkunft des Wortes ist nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich entstand es im München des 19. Jahrhunderts. Kunsthändler verwendeten es für billige Bilder, die sich leicht verkaufen ließen. Touristen kauften sie gern. Künstler verdienten Geld damit. Die Kritiker rümpften die Nase. Von Anfang an haftete dem Begriff etwas Verächtliches an.
Wer Kitsch sagt, beschreibt selten nur ein Objekt. Er urteilt. Oft sogar ziemlich hart. Denn im Wort Kitsch schwingen mindestens zwei Vorwürfe mit. Der erste lautet: Das ist geschmacklos. Der zweite: Das ist unehrlich. Und genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Reise.
Der österreichische Schriftsteller Hermann Broch vertrat eine bemerkenswerte These. Für ihn war Kitsch nicht in erster Linie ein ästhetisches Problem, sondern ein moralisches. Kunst suche nach Wahrheit. Kitsch suche nach Wirkung. Kunst riskiere etwas. Kitsch wolle gefallen. Ein kitschiges Werk frage nicht: „Ist das wahr?“, sondern: „Was muss ich tun, damit der Betrachter gerührt wird?“ Das ist eine scharfe Definition. Und eine gefährliche.
Denn plötzlich stellt sich die Frage: Wenn ein Künstler einen Sonnenuntergang malt, weil er Sonnenuntergänge liebt – ist das Kunst? Wenn er denselben Sonnenuntergang malt, weil er weiß, dass sich Sonnenuntergänge gut verkaufen – wird daraus Kitsch? Das Motiv hat sich nicht verändert. Die Absicht vielleicht schon.
Der amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg ging einen anderen Weg. Für ihn liefert Kitsch fertige Emotionen. Der Betrachter muss nichts entdecken, nichts erarbeiten und nichts interpretieren. Alles liegt bereits auf dem Tisch. Trauer. Romantik. Patriotismus. Nostalgie. Man muss nur noch zugreifen.
Kunst dagegen verlangt Mitarbeit. Sie lässt Fragen offen. Sie fordert Widerspruch heraus. Sie irritiert. Das klingt überzeugend. Bis man beginnt, Beispiele zu suchen.
Ist ein Liebesgedicht deshalb minderwertig, weil es Liebe zeigt? Ist eine Rose kitschig? Ist ein Sonnenuntergang kitschig? Oder werden sie erst dann kitschig, wenn sie nichts anderes mehr sein dürfen als schön?
Die vielleicht berühmteste Definition stammt von Milan Kundera. Kitsch, schrieb er, sei die „absolute Verneinung der Scheiße“. Der Satz wirkt zunächst komisch. Tatsächlich ist er hochphilosophisch.
Kundera meint damit alles Unangenehme im Leben. Leid. Widerspruch. Vergänglichkeit. Scheitern. Kitsch blendet diese Dinge aus. Er zeigt die Rose, aber nicht die Dornen. Er zeigt die Liebe, aber nicht den Schmerz. Er zeigt die Familie, aber nicht die Konflikte. Kitsch präsentiert uns eine Welt, die wir gerne hätten. Kunst zeigt uns häufig die Welt, die wir tatsächlich vorfinden.
Doch auch diese Definition wirft neue Fragen auf. Müssen wir wirklich immer die Dornen zeigen? Darf Schönheit nicht einfach Schönheit sein? Warum wirkt eine glückliche Familie auf einem Gemälde schnell verdächtig, während ein Bild voller Einsamkeit und Verzweiflung beinahe automatisch als tiefgründig gilt? Vielleicht liegt hier ein Schlüssel zum Verständnis des Kitsches. Vielleicht hat das Wort weniger mit Schönheit zu tun, als wir glauben. Je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, desto seltsamer wird die Welt.
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Klimt auf Schals. Klimt auf Regenschirmen. Klimt auf Kaffeetassen. Van Gogh auf Socken. Monet auf Notizbüchern. Und irgendwo im Internet findet sich sogar Leonardos Letztes Abendmahl auf Unterwäsche.
Die Frage lautet nun nicht mehr, ob diese Werke große Kunst sind. Daran besteht kein Zweifel. Die Frage lautet vielmehr: Was geschieht mit Kunst, wenn sie zum Gebrauchsgegenstand wird?
Wird Klimt kitschig, weil sein „Kuss“ auf einem Schal erscheint? Wird Leonardo kitschig, weil jemand sein Meisterwerk auf Unterhosen druckt? Wird Raffael kitschig, weil seine Engel über Hotelbetten hängen?
Offensichtlich nicht. Der Künstler bleibt derselbe. Das Werk bleibt dasselbe. Und doch empfinden viele Menschen ein gewisses Unbehagen.
Vielleicht wird Kunst nicht durch ihre Vervielfältigung zu Kitsch. Vielleicht entsteht Kitsch dann, wenn die ursprüngliche Bedeutung vollständig von einer neuen Funktion verdrängt wird. Die Engel erzählen nicht mehr von Theologie, Renaissance und Malerei. Sie werden Dekoration. Klimts „Kuss“ wird zum Modeaccessoire. Leonardos Abendmahl zum Scherzartikel.
Das Werk bleibt unverändert. Der Kontext nicht. Und vielleicht ist genau dieser Unterschied wichtiger, als wir zunächst vermuten. An dieser Stelle drängt sich eine weitere unbequeme Frage auf. Warum empfinden wir manche Dinge überhaupt als kitschig? Woher kommt dieser Reflex?
Niemand hat mir jemals erklärt, dass die Engel von Raffael kitschig seien. Dennoch war das Wort sofort da. Irgendwo auf dem Weg durch Schule, Medien, Museen und Kultur haben wir offenbar gelernt, bestimmte Motive mit einem Verdacht zu belegen. Engel. Rosen. Sonnenuntergänge. Liebe. Pathos. Schönheit.
Wer hat uns das beigebracht? Und warum? Vielleicht sollten wir noch eine andere Frage stellen. Wer entscheidet eigentlich, was Kitsch ist? Der Kunsthistoriker? Der Galerist? Der Professor? Der Kritiker? Oder der Betrachter?
Der Vorwurf des Kitsches enthält oft eine versteckte Überlegenheit. Wer sagt: „Das ist Kitsch“, sagt damit zugleich: „Ich erkenne Kitsch.“ Das Urteil verrät daher möglicherweise ebenso viel über den Urteilenden wie über das Werk.
Wer einen Gartenzwerg kitschig nennt, beschreibt nicht nur den Gartenzwerg. Er beschreibt auch sich selbst. Vielleicht ist Kitsch deshalb nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine soziale Kategorie.
Ein interessantes Beispiel liefert der berühmte röhrende Hirsch. Im deutschsprachigen Raum gilt er beinahe als Synonym für Kitsch. Kaum ein anderes Motiv ruft so zuverlässig entsprechende Assoziationen hervor. Dabei stellt sich die Frage, warum eigentlich.
Ein Hirsch in einer Landschaft ist zunächst einmal nur ein Hirsch in einer Landschaft. Jahrhundertelang wurden Jagdszenen und Tierdarstellungen von angesehenen Künstlern gemalt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, darin automatisch Kitsch zu sehen. Der schlechte Ruf des Motivs scheint daher weniger im Bild selbst zu liegen als in seiner kulturellen Geschichte.
Interessanterweise funktioniert dieses Beispiel außerhalb des deutschen Sprachraums deutlich schlechter. Viele Italiener oder Spanier verstehen gar nicht, weshalb ausgerechnet ein Hirsch zum Sinnbild schlechten Geschmacks geworden sein soll. Bereits dieses scheinbar einfache Motiv deutet auf eine Frage hin, die uns im zweiten Teil dieser Reihe beschäftigen wird: Ist Kitsch tatsächlich eine Eigenschaft eines Werkes – oder steckt er zumindest teilweise im Auge des Betrachters?
Als Fotograf komme ich an dieser Stelle nicht ganz ungeschoren davon. In einer meiner jüngsten Serien spielen Rosen eine zentrale Rolle. Nun gibt es kaum ein Symbol, das häufiger verwendet wurde. Rose. Liebe. Schönheit. Vergänglichkeit. Begehren. Seit Jahrhunderten greifen Künstler darauf zurück.
Und genau deshalb drängt sich eine unangenehme Frage auf: Kann man heute überhaupt noch eine Rose zeigen, ohne ins Klischee zu geraten? Wenn ein Hirsch durch Wiederholung zum Kitschverdächtigen werden kann – was bedeutet das dann für die Rose? Für den Sonnenuntergang? Für den nackten menschlichen Körper?
Vielleicht liegt die Antwort nicht im Motiv. Vielleicht liegt sie in der Frage, ob das Motiv lediglich bestätigt, was wir ohnehin erwarten. Oder ob es uns zwingt, neu hinzusehen.
An diesem Punkt betritt Jeff Koons die Bühne. Seine Werke werden von den einen gefeiert und von den anderen verspottet. Für die einen sind sie geniale Reflexionen über Konsum, Geschmack und Begehren. Für die anderen sind sie luxuriöse Gartenzwerge für Millionäre.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Kunst als Koons‘ Reaktion auf die Kritik. Er fragt nicht: „Warum nennt ihr das Kunst?“ Er fragt: „Warum schämt ihr euch für Freude?“
Das ist eine unbequeme Frage. Denn vielleicht steckt hinter vielen Kitschurteilen mehr als bloße Ästhetik. Vielleicht steckt dahinter auch die Angst, etwas zu mögen, das von anderen als banal betrachtet wird.
Noch unbequemer wird die Sache, wenn man die Geschichte der Kunst betrachtet. Die Renaissance verehrte Schönheit. Der Barock verehrte Schönheit. Selbst der Jugendstil feierte Schönheit. Erst die Moderne begann, Schönheit zunehmend mit Misstrauen zu betrachten. Warum eigentlich? Wann haben wir beschlossen, dass das Schöne verdächtig ist?
Warum geraten fast immer dieselben Motive unter Kitschverdacht? Rosen. Engel. Liebe. Sonnenuntergänge. Nackte Körper. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht führen uns diese Motive an eine Grenze, die wir heute nur noch ungern betreten. Die Grenze zwischen Schönheit und Bedeutung.
Als ich damals in Treviso auf dem Bett lag und die Engel betrachtete, glaubte ich zunächst, ich würde über Kitsch nachdenken.
Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Vielleicht dachte ich über Gewohnheit nach. Über die Macht der Wiederholung. Über den seltsamen Weg, auf dem große Kunst zu Postkarten, Kühlschrankmagneten, Schals, Unterhosen und Museumsshop-Artikeln wird. Vielleicht dachte ich über Schönheit nach. Über unsere Angst vor ihr. Oder über die Frage, warum wir manchen Dingen Tiefe zusprechen und andere mit einem einzigen Wort abtun.
Je mehr ich las, desto weniger eindeutig wurden die Antworten.
Der Schriftsteller Hermann Broch sah im Kitsch ein moralisches Problem. Clement Greenberg erkannte in ihm eine industrielle Produktion fertiger Gefühle. Milan Kundera war überzeugt, dass Kitsch alles ausblendet, was das Leben kompliziert macht. Jeff Koons wiederum stellt die Gegenfrage, warum wir uns eigentlich für Freude, Dekoration und Schönheit schämen sollten.
Wer hat recht? Vielleicht alle ein wenig. Vielleicht keiner vollständig.
Sicher scheint mir nur eines: Kaum ein Begriff wird in der Kunst so häufig verwendet und gleichzeitig so selten hinterfragt wie der Begriff Kitsch. Wir verwenden ihn mit erstaunlicher Sicherheit. Oft genügt ein kurzer Blick auf ein Bild, eine Skulptur oder eine Fotografie, und das Urteil steht fest.
Kitsch.
Doch sobald man versucht zu erklären, was genau damit gemeint ist, beginnen die Schwierigkeiten. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht verrät ein Kitschurteil am Ende ebenso viel über den Betrachter wie über das Werk.
Im nächsten Teil dieser Reihe verlassen wir deshalb die Frage nach der Definition und wenden uns einer anderen zu: Gibt es überhaupt universellen Kitsch? Oder empfindet ein Wiener etwas völlig anders als ein Römer, ein Madrilene oder ein Japaner?
Die Antwort könnte überraschender ausfallen, als man zunächst vermutet.
