Kunst, Kitsch und Schönheit – Eine Spurensuche in drei Teilen

Teil 3: Warum misstrauen wir der Schönheit?

Wenn man sich lange genug mit dem Thema Kitsch beschäftigt, gelangt man irgendwann an einen Punkt, an dem die ursprüngliche Frage ihre Bedeutung verliert. Die Diskussion beginnt mit der Frage, was Kitsch eigentlich sei. Sie führt weiter zu der Frage, wer darüber entscheidet. Und irgendwann steht man vor einer ganz anderen Überlegung: Warum geraten bestimmte Dinge überhaupt unter Kitschverdacht? Warum trifft es immer wieder dieselben Motive? Engel. Rosen. Sonnenuntergänge. Liebesgedichte. Schöne Landschaften. Den menschlichen Körper.

Vielleicht ist das kein Zufall.

Vielleicht hat unser Verhältnis zur Schönheit selbst etwas Merkwürdiges entwickelt.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr scheint mir, dass wir heute nicht mehr über Kitsch sprechen können, ohne gleichzeitig über Schönheit zu sprechen. Denn die Dinge, die am häufigsten als kitschig bezeichnet werden, haben oft eine Gemeinsamkeit: Sie sind schön. Nicht immer, aber erstaunlich oft.

Das führt zu einer unbequemen Frage. Wann genau wurde Schönheit verdächtig?

Für die Menschen der Antike wäre diese Frage vermutlich unverständlich gewesen. Für die Griechen gehörte Schönheit zu den höchsten Idealen überhaupt. Schönheit, Wahrheit und Harmonie standen nicht im Widerspruch zueinander. Sie waren verschiedene Ausdrucksformen derselben Ordnung. Auch das christliche Mittelalter verstand Schönheit keineswegs als etwas Oberflächliches. Die großen Kathedralen Europas wurden nicht trotz ihrer Schönheit erbaut, sondern gerade deshalb. Schönheit galt als Hinweis auf etwas Größeres, das hinter der sichtbaren Welt lag.

Im Renaissance-Humanismus erreichte diese Vorstellung einen neuen Höhepunkt. Die Werke eines Leonardo, eines Michelangelo oder eines Raffael sollten nicht nur gefallen. Sie sollten die Welt in ihrer Ordnung sichtbar machen. Schönheit war kein dekorativer Zusatz. Sie war ein Weg zur Erkenntnis.

Selbst die Romantik, die oft mit Gefühl und Individualität verbunden wird, stellte die Schönheit nicht infrage. Der Sonnenuntergang über dem Meer, die einsame Landschaft, die Rose, die Ruine oder das geliebte Gesicht waren keine Verdachtsmomente. Sie waren legitime Gegenstände der Kunst.

Wann also begann sich etwas zu verändern?

Vermutlich nicht an einem einzigen Tag und nicht durch ein einzelnes Ereignis. Die Moderne brachte eine Reihe von Erschütterungen mit sich. Industrialisierung, Kriege, politische Katastrophen und ein tiefes Misstrauen gegenüber einfachen Wahrheiten veränderten auch die Kunst. Viele Künstler hatten das Gefühl, dass die alten Formen nicht mehr ausreichten, um die Wirklichkeit ihrer Zeit zu beschreiben. Schönheit erschien manchen als Flucht. Harmonie wirkte verdächtig. Wer die Welt nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts darstellen wollte, konnte nicht einfach so tun, als sei alles in Ordnung.

Diese Entwicklung war verständlich. Sie brachte einige der bedeutendsten Kunstwerke der Moderne hervor. Doch wie so oft geschieht etwas Merkwürdiges, wenn eine berechtigte Gegenbewegung lange genug anhält. Was ursprünglich eine Erweiterung der Möglichkeiten war, wurde stellenweise zu einer neuen Erwartung. Schönheit verlor ihren selbstverständlichen Platz. Sie musste sich plötzlich rechtfertigen. Man spürt das bis heute.

Wenn jemand vor einem Bild steht und sagt: „Es ist schön“, dann klingt das oft fast wie eine Entschuldigung. Als hätte man etwas Wichtiges übersehen. Als müsste Schönheit durch zusätzliche Eigenschaften legitimiert werden. Wo ist das Konzept? Wo die Ironie? Wo die Gesellschaftskritik? Wo die Brechung? Wo der Widerspruch? Merkwürdigerweise stellen wir diese Fragen außerhalb der Kunst viel seltener.

Niemand betrachtet einen Sonnenuntergang und beschwert sich darüber, dass ihm die gesellschaftliche Relevanz fehlt. Niemand steht vor einer gotischen Kathedrale und erklärt, sie sei zwar beeindruckend, aber leider zu harmonisch. Niemand wirft einem Rosenstrauch vor, zu wenig Ambivalenz zu besitzen. In der Kunst dagegen geschieht genau das.

Vielleicht liegt darin einer der Gründe, warum der Kitschvorwurf so häufig mit Schönheit verbunden ist. Schönheit wirkt heute verdächtig, weil sie unmittelbar zugänglich ist. Sie braucht keine Gebrauchsanweisung. Man muss kein Kunsthistoriker sein, um eine Rose schön zu finden. Man benötigt kein Studium, um die Anziehungskraft eines gelungenen Porträts zu erkennen. Schönheit erreicht Menschen direkt. Gerade das macht viele Intellektuelle misstrauisch.

Was leicht zugänglich ist, erscheint oft weniger wertvoll als das, was erst entschlüsselt werden muss. Die Schwierigkeit wird mit Tiefe verwechselt. Die unmittelbare Wirkung gerät unter Verdacht.

Doch ist das gerechtfertigt? Jeff Koons hat auf diese Frage eine bemerkenswerte Antwort gegeben. Obwohl er regelmäßig mit dem Vorwurf des Kitsches konfrontiert wird, verteidigt er die Freude des Betrachters mit erstaunlicher Konsequenz. Immer wieder kehrt er zu einer ähnlichen Überlegung zurück: Warum schämen wir uns für das, was uns gefällt? Warum betrachten wir Genuss so oft mit Argwohn?

Man muss Koons nicht mögen, um diese Frage interessant zu finden. Tatsächlich wird sie umso spannender, je länger man über sie nachdenkt. Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, Misstrauen für Tiefe zu halten. Vielleicht erscheint uns Skepsis intelligenter als Begeisterung. Vielleicht fällt es uns leichter, etwas zu kritisieren als es ernsthaft zu bewundern. Dabei besitzt Bewunderung eine eigene Schwierigkeit.

Es ist nicht schwer, Fehler zu finden. Fehler gibt es überall. Es ist oft deutlich anspruchsvoller zu erklären, warum etwas gelungen ist. Diese Überlegung führt zu einem Bereich, in dem die Diskussion besonders kompliziert wird: der Darstellung des menschlichen Körpers.

Nehmen wir als Beispiel ein klassisches Playboy-Centerfold. Allein der Begriff genügt oft schon, um die Fronten zu verhärten. Die einen sehen darin Kommerz und Objektifizierung. Die anderen betrachten es als Ausdruck von Schönheit und Erotik. Wieder andere erkennen vor allem handwerkliche Perfektion.

Und tatsächlich ist die technische Qualität solcher Produktionen häufig beeindruckend. Lichtsetzung, Visagistik, Bildaufbau, Drucktechnik und Retusche bewegen sich oft auf höchstem Niveau. Viele Fotografen würden neidlos anerkennen, dass hier Menschen am Werk waren, die ihr Handwerk meisterhaft beherrschten. Doch genügt handwerkliche Perfektion allein? Offensichtlich nicht. Sonst wären wir mit der Frage bereits fertig.

Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, die technische Leistung einfach zu ignorieren. Zwischen Kunst, Handwerk und Kitsch verläuft keine klare Grenze. Oft überschneiden sich diese Bereiche. Ein Werk kann handwerklich hervorragend und dennoch oberflächlich sein. Es kann technisch einfach und gleichzeitig tiefgründig sein. Es kann schön sein, ohne kitschig zu sein. Es kann kitschig sein, ohne völlig wertlos zu sein.

Vielleicht ist genau diese Unschärfe der Grund, warum die Diskussion niemals endet.

Als Fotograf begegnet mir diese Frage regelmäßig. Nicht nur bei Aktfotografie, sondern auch bei scheinbar harmlosen Motiven. Eine Rose ist dafür ein gutes Beispiel. Kaum ein Symbol wurde häufiger verwendet. Dichter haben über Rosen geschrieben. Maler haben sie gemalt. Fotografen haben sie fotografiert. Floristen verkaufen sie millionenfach. Valentinstagskarten zeigen sie seit Generationen.

Wenn ein Motiv so oft verwendet wurde, entsteht beinahe zwangsläufig ein Problem. Irgendwann sehen wir nicht mehr die Rose selbst. Wir sehen die Erinnerung an tausend andere Rosen. Wir sehen Klischees, Werbebilder, Grußkarten und Souvenirs. Das Motiv wird Opfer seines eigenen Erfolgs. Doch macht ihn das automatisch wertlos? Ich glaube nicht.

Denn dieselbe Rose kann in den Händen eines Künstlers plötzlich wieder etwas anderes werden. Sie kann Symbol sein. Erinnerung. Metapher. Meditation über Vergänglichkeit. Sie kann auf die Tradition verweisen oder mit ihr brechen. Sie kann kitschig wirken oder tiefgründig. Nicht wegen der Rose selbst, sondern wegen der Art, wie wir ihr begegnen.

Vielleicht gilt das für viele der Motive, die wir vorschnell verurteilen. Engel. Sonnenuntergänge. Liebesgedichte. Schöne Gesichter. Der nackte Körper.

Nicht die Motive sind das Problem. Unsere Gewöhnung an sie ist es. Wir haben sie so oft gesehen, dass wir vergessen haben, warum sie Menschen ursprünglich berührten.

Und genau deshalb lohnt es sich, noch einmal auf den Ausgangspunkt dieser Reihe zurückzukommen. Auf die beiden Engel von Raffael, die über einem Hotelbett in Treviso hingen. Damals schien mir die Vorstellung, sie als kitschig zu empfinden, beinahe absurd. Und doch war dieser spontane Gedanke der Auslöser für eine längere Reise durch Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und persönliche Vorurteile.

Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob die Frage nach dem Kitsch die wichtigste Frage war. Vielleicht war die wichtigere Frage eine andere. Vielleicht sollten wir weniger fragen, was Kitsch ist, und häufiger fragen, warum bestimmte Formen von Schönheit unser Misstrauen wecken. Denn Schönheit ist nicht automatisch Wahrheit. Aber sie ist auch nicht automatisch Oberflächlichkeit.

Schönheit kann manipulieren. Schönheit kann verführen. Schönheit kann täuschen. Aber Schönheit kann ebenso trösten, inspirieren, verbinden und Erkenntnis ermöglichen. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung unserer Zeit deshalb nicht darin, Schönheit zu vermeiden. Vielleicht besteht sie darin, Schönheit wieder ernst zu nehmen. Nicht naiv. Nicht blind. Aber ohne den reflexhaften Verdacht, der ihr heute so oft begegnet. Denn wenn wir jede Schönheit vorschnell als Kitsch verdächtigen, verlieren wir möglicherweise etwas, das Menschen seit Jahrtausenden begleitet hat: die Fähigkeit, sich von der Welt berühren zu lassen, bevor man sie analysiert.

Und vielleicht beginnt jede große Kunst genau dort.

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