Über Kunst, Bekanntheit und den Irrtum, Qualität müsse irgendwann entdeckt werden
Neulich stieß ich auf einen Artikel über Menschen, die offenbar nicht damit zufrieden sind, in nur einer Kunstform erfolgreich zu sein. Johnny Depp malt, Sharon Stone malt, Lucy Liu malt, Joni Mitchell malt und fotografiert, und Ed Sheeran lässt Farbe auf großformatige Leinwände tropfen. Bei Letzterem fällt der Name Jackson Pollock ungefähr so schnell, wie man beim Anblick einer Suppendose an Warhol denkt. Die naheliegende Reaktion ist entsprechend einfach: Jetzt malen also auch noch die Prominenten. Und weil ihr Name ohnehin groß genug ist, finden sich Galerien, Käufer und Medien ganz von selbst.
Das ist allerdings ein wenig zu einfach. Vor allem steckt darin eine merkwürdige Vorstellung davon, was ein Künstler eigentlich sei. Als müsste sich ein Mensch irgendwann entscheiden, ob er Sänger, Schauspieler, Maler, Fotograf oder Schriftsteller ist und anschließend gefälligst in der ihm zugewiesenen Schublade bleiben. Künstler suchen nach Ausdruck. Und manchmal reicht ihnen eine Ausdrucksform nicht. Ein Musiker kann irgendwann feststellen, dass er etwas mit Farbe sagen kann, wofür ihm die Musik nicht genügt. Ein Schauspieler kann malen, ein Maler schreiben, ein Fotograf mit Schrift arbeiten. Warum auch nicht? Die Kunstgeschichte wäre erheblich ärmer, hätte man Künstler immer höflich darauf hingewiesen, bei dem zu bleiben, womit sie angefangen haben.
Natürlich gibt es auch die andere Möglichkeit. Ein berühmter Schauspieler entdeckt, dass sich sein Name nicht nur auf Kinokarten, Parfümflakons und Autogrammkarten, sondern auch recht ausgezeichnet auf Leinwand verkaufen lässt. Das Bild ist dann möglicherweise weniger Ausdruck als Erweiterung der Produktpalette. Auch das kommt vor. Nur lässt sich diese Frage nicht dadurch beantworten, dass jemand prominent ist. Ein Celebrity kann ein Dilettant sein. Ein Celebrity kann aber ebenso ein hervorragender bildender Künstler sein. Und ein unbekannter Mensch kann erschütternd schlechte Bilder malen, obwohl er seit dreißig Jahren nichts anderes tut. Berühmtheit ist kein Qualitätsmerkmal. Ihr Fehlen übrigens auch nicht.
Interessant wird die Sache erst dort, wo Kunst und Öffentlichkeit aufeinandertreffen. Denn der berühmte Anfänger und der unbekannte Künstler beginnen nicht am selben Punkt. Ed Sheeran kann heute ein Bild malen, es morgen zeigen und übermorgen wird darüber in internationalen Medien diskutiert. Ein unbekannter Künstler kann zwanzig Jahre arbeiten, verwerfen, neu beginnen, seine Sprache verändern, sich mit Kunstgeschichte beschäftigen, Techniken entwickeln, eine unverwechselbare Position finden – und am Ende sehen seine Arbeiten einige hundert Menschen. Wenn es gut läuft.
Ein hübsches Beispiel dafür liefert übrigens das Vorschaubild dieses Beitrags. Es stammt von der jungen Queen Victoria, die über Jahrzehnte zeichnete und aquarellierte. Das macht ihre Beschäftigung mit Kunst keineswegs weniger ernsthaft. Aber man darf die boshafte Frage stellen: Würden wir dieses durchaus charmante Aquarell heute noch betrachten, katalogisieren und bewahren, wenn die dreizehnjährige Urheberin nicht die spätere Königin Victoria, sondern ein vollkommen unbekanntes Mädchen des Jahres 1832 gewesen wäre?
Das ist keine Anklage gegen Ed Sheeran. Was sollte er dagegen tun? Sich einen falschen Bart ankleben, seine Bilder unter dem Namen Edward Müller bei einer kleinen Produzentengalerie einreichen und fünf Jahre warten, bis ihm jemand antwortet? Seine Bekanntheit existiert nun einmal. Sie lässt sich aus der Rezeption seiner Bilder ebenso wenig entfernen wie seine musikalische Vergangenheit. Interessant ist vielmehr, was dieser Unterschied über unseren Glauben an den Kunstbetrieb erzählt.
Denn irgendwo hält sich hartnäckig die romantische Vorstellung, Qualität werde sich letztlich durchsetzen. Wer wirklich gut sei, werde irgendwann entdeckt. Vielleicht spät, vielleicht erst nach einigen schwierigen Jahren, aber die gute Kunst finde ihren Weg. Das ist ein tröstlicher Gedanke. Leider spricht wenig dafür, dass er stimmt.
Künstlerische Qualität und öffentliche Sichtbarkeit sind zwei verschiedene Dinge. Sie können zusammentreffen, und erfreulicherweise tun sie das manchmal auch. Aber es gibt keinen Mechanismus, der dafür sorgt. Sichtbarkeit entsteht aus einem komplizierten Gemisch aus Gelegenheit, Beziehungen, Institutionen, Geld, geografischem Standort, gesellschaftlichem Interesse, Zeitgeist, Beharrlichkeit, Vermarktung und einer beträchtlichen Portion Zufall. Qualität kann dabei helfen. Sie garantiert überhaupt nichts.
Umgekehrt kann Bekanntheit diesen Prozess geradezu überspringen. Wenn Johnny Depp Bilder zeigt, muss zunächst niemand davon überzeugt werden, dass Johnny Depp interessant ist. Diese Arbeit wurde bereits von einigen Jahrzehnten Filmgeschichte erledigt. Der unbekannte Maler muss dagegen zuerst jemanden dazu bringen, überhaupt stehenzubleiben. Noch bevor über die Qualität seines Werkes gesprochen werden kann, muss er das wesentlich banalere Problem lösen, dass niemand weiß, dass es dieses Werk gibt.
Damit verändert der Name zwangsläufig auch das Bild. Stellen wir uns zwei vollkommen identische abstrakte Gemälde vor. Unter dem einen steht der Name eines international bekannten Künstlers, unter dem anderen ein Name, den wir noch nie gehört haben. Es wäre ausgesprochen optimistisch anzunehmen, wir betrachteten beide vollkommen unvoreingenommen. Beim bekannten Namen suchen wir nach Bedeutung. Wir geben dem Bild Zeit. Vielleicht denken wir zunächst, wir verstünden es nicht, und betrachten es deshalb noch einmal. Beim unbekannten Namen fällt das Urteil möglicherweise nach wenigen Sekunden. Das eine Werk bekommt einen Vertrauensvorschuss, das andere muss sich diesen erst verdienen.
Das ist nicht einmal besonders verwerflich. Wahrnehmung funktioniert nun einmal mit Kontext. Wir wissen, was ein Künstler zuvor geschaffen hat, kennen seine Entwicklung, seine Zeit, vielleicht seine Absichten. Ein Werk von Picasso wird nicht bedeutungslos, wenn man seinen Namen entfernt, aber man verliert einen Teil des Zusammenhangs, in dem es entstanden ist. Kunst ausschließlich ohne Biografie und Kontext beurteilen zu wollen wäre daher genauso töricht wie das Gegenteil.
Deshalb greift auch die hübsche Frage „Würde jemand dieses Bild kaufen, wenn nicht Johnny Depp darunterstünde?“ zu kurz. Wahrscheinlich würden es erheblich weniger Menschen überhaupt zu Gesicht bekommen. Und damit beginnt das Problem lange vor dem Kauf.
Bei Ed Sheeran kommt noch etwas anderes hinzu. Seine farbigen, betropften Leinwände erinnern unübersehbar an Jackson Pollock. Daraus folgt noch nicht, dass sie schlechte Kunst sind. Kunst entsteht seit Jahrtausenden aus Kunst. Künstler übernehmen, zitieren, widersprechen, variieren, zerstören und bauen wieder zusammen. Niemand beginnt morgens als vollkommen voraussetzungsloses Wesen vor einer jungfräulichen Leinwand. Die interessantere Frage lautet deshalb nicht, ob Sheeran Pollock kopiert. Sie lautet, was nach Pollock noch von Sheeran hinzukommt.
Denn irgendwann muss aus dem Einfluss eine eigene Sprache werden. Vielleicht geschieht das. Vielleicht nicht. Künstlerische Entwicklung braucht Zeit, und gerade darin liegt eine weitere Ironie der Celebrity Art: Der unbekannte Künstler muss sich häufig erst entwickeln, bevor ihm jemand Aufmerksamkeit schenkt. Der berühmte Künstler bekommt die Aufmerksamkeit möglicherweise schon während seiner Entwicklung. Jeder Versuch, jede Sackgasse und jede noch nicht ganz geglückte Idee kann plötzlich öffentlich verhandelt werden.
Vielleicht ist deshalb nicht die Prominenz das eigentlich Merkwürdige an diesen Geschichten, sondern unser Umgang mit Unbekanntheit. Wir fragen gern, ob ein berühmter Musiker seine Bilder nur wegen seines Namens verkaufen kann. Viel seltener fragen wir, wie viele bemerkenswerte Arbeiten wir niemals sehen, weil der Name darunter niemandem etwas sagt.
Es dürfte unzählige Künstler geben, die über Jahrzehnte eine eigenständige Sprache entwickelt haben und trotzdem niemals in einem Museum hängen, niemals von einer bedeutenden Galerie vertreten werden und niemals Gegenstand eines Feuilletonartikels sein werden. Einige davon werden schlicht nicht gut genug sein. Andere vielleicht sehr wohl. Wir werden es nur nie erfahren.
Und möglicherweise liegt genau darin eine der unbequemsten Wahrheiten des Kunstbetriebs: Erfolg kann ein Hinweis auf Qualität sein, aber er ist kein Beweis dafür. Misserfolg wiederum beweist erstaunlich wenig. Zwischen einem bedeutenden Werk und seiner öffentlichen Bedeutung liegt ein weiter Raum, bevölkert von Galeristen, Kuratoren, Kritikern, Sammlern, Algorithmen, Beziehungen, Zufällen und gelegentlich schlicht vom richtigen Menschen, der im richtigen Augenblick vor dem richtigen Bild stehenbleibt.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber spotten, wenn ein Schauspieler plötzlich malt. Wir sollten genauer hinsehen. Wenn die Bilder schlecht sind, dürfen wir sie schlecht finden. Wenn sie gut sind, sollten wir auch das aushalten können. Und wenn wir feststellen, dass wir einem mittelmäßigen Bild zwanzig Minuten Aufmerksamkeit schenken, nur weil ein berühmter Name daruntersteht, während wir am unbekannten Künstler im nächsten Raum nach fünf Sekunden vorbeigehen, dann haben wir zumindest etwas gelernt.
Nicht unbedingt über die beiden Künstler.
Aber ziemlich viel über uns.
