Über Ausstrahlung, geliehene Posen und die Arbeit hinter dem Bild
Ich bin auf eine Geschichte über Marilyn Monroe gestoßen. Ein Journalist, so wird erzählt, habe behauptet, ihre Schönheit verdanke sie ausschließlich ihren teuren Kleidern. Monroe habe daraufhin einen Erdäpfelsack angezogen und sich darin fotografieren lassen. Eine wunderbare Antwort. Der Stoff konnte nicht mehr viel zum Gelingen beitragen; gewöhnlich war seine Aufgabe schließlich, Knollen zusammenzuhalten. Marilyn sah trotzdem umwerfend aus. Die Bilder sind großartig, die Pointe sitzt, und eigentlich hätte man die Angelegenheit mit einem zufriedenen Grinsen abschließen können. Wäre ich nicht Fotograf. Denn mich interessiert an solchen Bildern weniger, woher der Sack kommt, als die Frage, warum die Frau darin so wirkt.
Also habe ich recherchiert. Zuerst musste die Geschichte etwas von ihrer schönen Geschlossenheit abgeben. Die verbreitete Fassung lässt sich so nicht zuverlässig belegen. Nachweisbar ist eine Kritik an Monroes Garderobe von 1952, auf die ihr Studio mit einem Erdäpfelsack-Foto antwortete. Daneben gibt es frühere Aufnahmen, die mit dieser Geschichte vermischt werden. Die Wirklichkeit war offenbar wieder einmal nicht bereit, sich an die Bedürfnisse einer guten Anekdote zu halten. Und auch der Sack verdient einen zweiten Blick: In der 1952 veröffentlichten Aufnahme ist daraus ein körperbetontes Kleid geworden, ergänzt durch Schmuck, hohe Schuhe und eine wohlüberlegte Haltung. Die Ausstattung war keineswegs verschwunden. Sie hatte lediglich den Lieferanten gewechselt.
Trotzdem bleibt die Frage. Was macht diese Wirkung aus? Die Figur? Das Gesicht? Der Blick? Das Wissen darum, dass wir Marilyn Monroe betrachten? Vermutlich sollte man gerade Letzteres nicht unterschätzen: Wir sehen keine unbekannte Frau in einem sonderbaren Kleid, sondern eine Ikone, deren Wirkung uns längst angekündigt wurde. Aber damit ist die Sache für mich nicht erledigt. In meinem Atelier stehen auch Frauen, die weder wie Marilyn aussehen noch mit ihrer selbstverständlichen Wirkung vor der Kamera auftreten. Sie wünschen sich einen klassischen Akt, Boudoirbilder oder eine Aufnahme, in der sie sich anders sehen können als auf den üblichen Alltagsfotos. Ich kann schließlich nicht vor der Terminvereinbarung die erfolgreiche Absolvierung einer Hollywoodkarriere verlangen.
Was wir Ausstrahlung nennen
Manche Menschen betreten einen Raum und ziehen Aufmerksamkeit auf sich, ohne sichtbar darum zu bitten. Andere sind schön, tadellos gekleidet und bleiben dennoch merkwürdig unauffällig. Auf Fotografien begegnet mir ein ähnlicher Unterschied: Ein Gesicht kann meinen Vorstellungen von Schönheit vollkommen entsprechen und mich trotzdem kaltlassen. Ein anderes widerspricht ihnen und hält meinen Blick fest. „Ausstrahlung“, sagen wir dann. Ein praktisches Wort. Es benennt mit großer Selbstverständlichkeit etwas, das wir anschließend nur mit erheblichem Aufwand erklären können.
Bei meiner Suche bin ich auch auf psychologische Untersuchungen gestoßen. Die Antwort ist weniger geheimnisvoll, als das Wort Aura vermuten lässt: Unsere Wirkung hängt nicht allein vom Aussehen ab, sondern auch davon, wie wir blicken, uns bewegen, Haltung zeigen und auf andere eingehen. Teile davon lassen sich benennen und untersuchen. Man kann Menschen beurteilen lassen, wie präsent, anziehend oder zugewandt jemand wirkt, und diese Urteile vergleichen. Gemessen wird damit allerdings ein Eindruck unter bestimmten Bedingungen, nicht eine fest eingebaute Menge Ausstrahlung. Eine verlässliche Charismaanzeige neben Belichtungszeit und Blende ist nicht in Sicht.
Zwei Befunde sind für mich besonders interessant. Verschiedene Fotos derselben Person können erstaunlich unterschiedliche Eindrücke erzeugen. Und bestimmte Mittel wirksamen Auftretens sind erlernbar. Die entsprechenden Trainingsstudien betreffen unter anderem Reden und Führung, nicht das Boudoir; einen wissenschaftlich geprüften Lehrgang zur Sinnlichkeit darf man daraus nicht basteln. Aber für meine Frage reicht zunächst die Erkenntnis: Wirkung ist weder ausschließlich eine Frage schöner Proportionen noch ein unveränderliches Geschenk, das einige bei der Geburt bekommen und andere eben nicht. Damit wird es fotografisch interessant. Denn an Veränderlichem lässt sich arbeiten.
Dabei möchte ich nicht jede zurückhaltende Frau zur zweiten Marilyn erklären. Das wäre die freundliche Variante derselben Einfallslosigkeit. Eine stille Präsenz kann ebenso fesselnd sein wie ein offensives Spiel mit der Kamera. Ein ernster Blick muss nicht durch ein Lächeln repariert werden. Bei Artis Umbrae interessieren mich auch Verschlossenheit, Widerstand und jene Spannung, die sich nicht sofort auflösen lässt. Ein Bild darf dem Betrachter etwas zumuten. Es muss nicht aussehen, als hätte der Körper gerade einen Kurs in Kundenfreundlichkeit bestanden.
Eine Pose ist noch kein Ausdruck
Nun gibt es für beinahe jede fotografische Absicht ein handliches Sortiment an Gesten. Hand ins Haar, Rücken durchdrücken, Lippen öffnen, Finger in den Mund. Man kennt das. Der Finger im Mund beweist zunächst allerdings nur, dass die anatomischen Voraussetzungen für diese Übung vorhanden sind. Sinnlichkeit ist damit noch nicht nachgewiesen. Manchmal erkennt man auf einem Foto sehr genau, dass jemand verführerisch wirken möchte, und ebenso genau, dass die Verführung noch auf sich warten lässt. Das Vokabular ist vorhanden. Der Satz will nicht gelingen.
Das Problem liegt nicht darin, dass eine Geste bewusst eingesetzt wird. Gute Modelle und Schauspielerinnen arbeiten selbstverständlich mit erlernten Ausdrucksmitteln. Sie müssen nicht tatsächlich verliebt, verzweifelt oder begehrend sein, um einen solchen Eindruck überzeugend zu gestalten. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Passt der Blick zur Haltung? Erzählt die Hand etwas oder wurde sie nur abgestellt? Ist der Körper gespannt, während das Gesicht bereits auf die nächste Anweisung wartet? Ein einzelnes Zeichen macht noch kein Bild. Und eine Sammlung einschlägiger Posen ergibt noch keine fotografische Persönlichkeit.
Natürlich gibt es Unterschiede im Können. Manche Modelle verfügen über ein feines Körpergefühl, verwandeln kleine Hinweise in brauchbare Variationen und können einen Ausdruck halten, ohne dabei zu erstarren. Andere bewegen sich vor der Kamera deutlich unbeholfener. Das darf man benennen. Professionelles Arbeiten ist schließlich keine bloße Selbstbeschreibung. Von einer Frau, die sich erstmals fotografieren lässt, erwarte ich dieses Repertoire jedoch nicht. Sie bucht meine Arbeit, keine Aufnahmeprüfung. Und auch ein schwaches Foto erlaubt noch kein lebenslanges Urteil über ihre Wirkung. Es zeigt zunächst, dass diese Aufnahme nicht funktioniert. Zu ihrer Entstehung gehörte gelegentlich auch ein Fotograf.
Was sich lernen lässt – und was ich beitragen muss
Für die Arbeit im Atelier übersetze ich die große Frage nach Ausstrahlung deshalb in kleinere, brauchbare Aufgaben. Kann jemand die Schultern lösen, ohne die Haltung zu verlieren? Eine Hand bewegen, ohne daraus sofort eine Vorführung zu machen? Den Blick verändern, ohne das Gesicht zu einer Maske zusammenzuziehen? Solche Möglichkeiten lassen sich ausprobieren, vergleichen und üben. Wer die eigene Bildwirkung besser kennenlernt, gewinnt Spielraum. Daraus folgt weder, dass alle gleich gut werden, noch dass ein Nachmittag jede Unsicherheit beseitigt. Es bedeutet, dass wir mehr zur Verfügung haben als das schicksalsergebene Urteil: Sie hat es eben – oder nicht.
Meine Anweisungen müssen dafür etwas taugen. „Seien Sie sexy“ ist ungefähr so hilfreich wie „Kochen Sie etwas Gutes“. Der Wunsch ist verständlich; die eigentliche Arbeit wurde elegant weitergereicht. Eine konkrete Vorstellung kann mehr auslösen: Jemand möchte näherkommen, und Sie entscheiden noch, ob Sie das zulassen. Oder wir arbeiten mit einer Bewegung: sich zuwenden, innehalten, zurückblicken. Nicht jeder Impuls passt zu jeder Person. Wenn eine Anweisung nur Verlegenheit produziert, muss ich sie ändern. Lauteres Wiederholen macht aus einer schlechten Idee selten eine bessere.
Dazu gehört ein Rahmen, in dem niemand mitspielen muss, wenn eine Vorstellung nicht passt. Gerade bei Akt und Boudoir möchte ich wissen, welche Darstellung eine Frau sucht und wo ihre Grenzen liegen. Vertrauen ist kein zusätzliches Requisit, das man bei Bedarf neben dem Stuhl aufstellt. Es entsteht in der Zusammenarbeit: durch klare Absprachen, Aufmerksamkeit und die Erfahrung, dass ein Nein weder die Stimmung noch das Shooting ruiniert. Das garantiert noch kein starkes Bild. Es schafft aber Raum, in dem wir etwas versuchen können, statt lediglich eine fremde Vorstellung pflichtbewusst nachzustellen.
Und dann bleibt meine eigentliche fotografische Verantwortung. Ich entscheide über Licht, Standpunkt, Ausschnitt und Moment. Ich kann einen Blick sichtbar machen oder ihn im falschen Schatten verlieren. Ich kann einer Hand Bedeutung geben oder sie wie ein vergessenes Werkzeug ins Bild hängen lassen. Manchmal liegt die beste Aufnahme zwischen zwei Posen, wenn die Anstrengung kurz nachlässt. Das muss ich bemerken. Die Kamera ist kein Wünschelrutengänger für verborgene Sinnlichkeit. Sie verlangt auch dann Entscheidungen, wenn sie sehr teuer war.
Keine Marilyn erforderlich
Diese Fragen begleiten meine freien Arbeiten ebenso wie Auftragsarbeiten, allerdings mit unterschiedlichen Zielen. Beim klassischen Akt interessieren mich Form, Haltung und Eleganz. Eine schwierige Verrenkung ist noch keine Leistung des Bildes; manchmal erzählt eine kleine Drehung mehr. Im Boudoir kommt die persönliche Vorstellung von Sinnlichkeit hinzu. Sie kann spielerisch sein, still, selbstbewusst oder beinahe beiläufig. Reizwäsche darf dabei helfen. Die Ausdrucksarbeit übernimmt sie nicht, auch wenn ihr Preis gelegentlich andere Erwartungen weckt. Mich interessiert, welche Darstellung für diese Frau trägt – nicht, wie zuverlässig sie die Gesten einer anderen nachahmt.
Beim Lowkey-Bodyscape verschiebt sich die Frage nochmals. Wenn das Gesicht im Schatten bleibt oder gar nicht im Bild ist, wirken Körperlinie, Spannung, Licht und Ausschnitt auf andere Weise zusammen. Eine Schulter kann Ruhe vermitteln, ein Rücken Widerstand, eine schmale helle Kontur den Blick festhalten. Nicht alles davon ist die persönliche Ausstrahlung der Frau; vieles entsteht erst durch die fotografische Gestaltung. Gerade deshalb sollte ich mir darüber klar sein, was sie vor der Kamera leistet und was ich aus ihrer Erscheinung mache. Sonst schreibe ich ihr meine guten Bilder als Charisma zu und meine schlechten als dessen bedauerliches Fehlen.
Wer sich von mir fotografieren lässt, muss also nicht mit der fertigen Wirkung eines Filmstars erscheinen. Was sie mitbringt und was sie sich wünscht, ist unser Ausgangspunkt. Daraus entwickeln wir die Aufnahme. Geschätzte Leserin, Sie müssen Marilyn nicht einmal ähnlich sehen. Eine misslungene Kopie wäre ohnehin ein bescheidenes Ziel für ein Bild von Ihnen. Interessanter ist, ob wir einen Ausdruck finden, der Sie nicht hinter geliehenen Gesten verschwinden lässt – und der auch dann trägt, wenn die dekorativen Hilfsmittel ihre Schuldigkeit getan haben.
Vielleicht ist das die brauchbarste Frage, die mir Marilyns Erdäpfelsack hinterlassen hat. Nicht: Würde jede Frau darin so aussehen? Selbstverständlich nicht. Sondern: Was bleibt, wenn ich die Ausstattung zurücknehme, und wie mache ich daraus ein Bild? Marilyn konnte mit ihrer Erscheinung spielen. Ihre Fotografen verstanden etwas von Inszenierung. Das landwirtschaftliche Verpackungsmaterial hatte dabei eine bemerkenswerte Nebenrolle. Für die Arbeit im Atelier braucht es zunächst Aufmerksamkeit, eine Idee und jemanden, der vor der Kamera nicht bloß abgestellt wird. Der Sack kann warten.
Rechercheunterlagen
Redaktioneller Anhang – nicht Teil des Blogbeitrags. Die Nachweise bleiben für Rückfragen erhalten; im Essay stehen weder Studiennamen noch Quellenziffern.
[1] April VeVea: Marilyn’s Potato Sack Dress, 3. Januar 2024. Historische Aufarbeitung mit reproduzierten Ausschnitten aus dem Los Angeles Mirror vom 18. und 23. Februar 1952. Quelle öffnen
[2] Getty Images: Marilyn Monroe Portrait Session. Earl Theisen Collection, Bild 162873459; Archivdatierung 1951. Quelle öffnen
[3] Friedman, H. S., Riggio, R. E. & Casella, D. F. (1988): Nonverbal Skill, Personal Charisma, and Initial Attraction. Personality and Social Psychology Bulletin, 14(1), 203–211. Quelle öffnen
[4] Tskhay, K. O., Zhu, R., Zou, C. & Rule, N. O. (2018): Charisma in Everyday Life: Conceptualization and Validation of the General Charisma Inventory. Journal of Personality and Social Psychology, 114(1), 131–152. Quelle öffnen
[5] Todorov, A. & Porter, J. M. (2014): Misleading First Impressions: Different for Different Facial Images of the Same Person. Psychological Science, 25(7), 1404–1417. Quelle öffnen
[7] Antonakis, J., Fenley, M. & Liechti, S. (2011): Can Charisma Be Taught? Tests of Two Interventions. Academy of Management Learning & Education, 10(3), 374–396. Quelle öffnen
Die Untersuchungen betreffen erste Eindrücke, Alltagscharisma und trainiertes Auftreten. Die Übertragung auf die Atelierpraxis ist eine fotografische Folgerung, kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis für Boudoir-Shootings.
Bildredaktion: Die Gemeinfreiheit der Erdäpfelsack-Aufnahmen ist bislang nicht belastbar nachgewiesen. Vor Veröffentlichung ist die Nutzung des konkret ausgewählten Bildes zu klären.
