Das Bild aus Silber

Was ein Silbergelatineabzug ist und weshalb seine Anmutung in der digitalen Fotografie weiterlebt

In Texten über klassische Schwarzweißfotografie begegnet man immer wieder Begriffen wie „Silbergelatine“, „Silbergelatineabzug“ oder „Gelatinesilberprint“. Sie klingen ehrwürdig, ein wenig geheimnisvoll und hinreichend kompliziert, um selbst einer gewöhnlichen Fotografie umgehend die Aura eines Museumsdepots zu verleihen.

Dabei bezeichnet der Begriff zunächst ein fotografisches Verfahren. Ein Silbergelatineabzug ist ein Schwarzweißbild auf lichtempfindlichem Fotopapier. In einer dünnen Schicht aus Gelatine befinden sich Silbersalze, die auf Licht reagieren. Das belichtete Papier wird anschließend chemisch entwickelt, fixiert und gewässert. Die dunklen Bereiche des fertigen Bildes bestehen aus fein verteiltem metallischem Silber.

Das Bild wurde also nicht mit schwarzer Tinte auf das Papier gedruckt. Es entstand durch Licht und eine chemische Veränderung innerhalb der fotografischen Schicht.

Dieses Verfahren prägte über weite Teile des 20. Jahrhunderts unsere Vorstellung davon, wie eine Schwarzweißfotografie auszusehen habe: tiefe Schwärzen, leuchtende Lichter, fein abgestufte Grautöne und eine je nach Papier glänzende, seidenmatte oder matte Oberfläche.

Wenn wir heute versuchen, einer digitalen Fotografie eine Silbergelatine-Anmutung zu verleihen, ahmen wir daher nicht bloß ein altes Material nach. Wir beziehen uns auf mehr als ein Jahrhundert fotografischer Sehgewohnheiten.

Silber und Gelatine

Der Name beschreibt die beiden wesentlichen Bestandteile des Verfahrens. Das Silber bildet das eigentliche Bild. Die Gelatine dient als durchsichtige Trägerschicht, in der die lichtempfindlichen Silberverbindungen verteilt und auf dem Papier gehalten werden.

„Silbergelatine“ bezeichnet somit weder einen Stilfilter noch eine silbern schimmernde Oberfläche. Der Begriff beschreibt die materielle Beschaffenheit der Fotografie.

Eine digitale Schwarzweißfotografie kann einem solchen Abzug sehr ähnlich sehen. Wird sie mit Pigmenttinten auf ein modernes Fine-Art-Papier gedruckt, bleibt sie dennoch ein Pigmentdruck. Die Bezeichnung des Verfahrens richtet sich danach, was tatsächlich geschehen ist – nicht danach, wonach das Ergebnis gerne aussehen möchte.

Ein Pferd wird schließlich auch nicht zum Zebra, nur weil man ihm Streifen aufmalt.

Wie das Verfahren entstand

Silberverbindungen spielten bereits bei den frühesten fotografischen Verfahren eine zentrale Rolle. Es war bekannt, dass bestimmte Silbersalze unter Lichteinwirkung nachdunkeln. Die Schwierigkeit bestand darin, diese Reaktion kontrollierbar zu machen und das entstandene Bild dauerhaft zu stabilisieren.

Im 19. Jahrhundert wurden dafür unterschiedliche Verfahren entwickelt. Salzpapier, Albuminpapier, Kollodium sowie Platin- und Palladiumdrucke besaßen jeweils eigene Oberflächen, Farbtöne und Charakteristika.

Beim lange Zeit verbreiteten Albuminpapier diente Eiweiß als Bindemittel. Für dessen industrielle Produktion wurden erhebliche Mengen Hühnereiweiß benötigt. Die Geschichte der Fotografie ist reich an edlen künstlerischen Ambitionen, roch im Hintergrund gelegentlich aber auch nach einer ausgesprochen großen Küche.

1871 beschrieb der englische Arzt Richard Leach Maddox ein Verfahren, bei dem lichtempfindliche Silbersalze in Gelatine gebunden und auf Glasplatten aufgebracht wurden. Diese Gelatinetrockenplatten konnten vorbereitet, gelagert und erst später verwendet werden.

Zuvor mussten Fotografen bei der Nassplattenfotografie ihre Glasplatten unmittelbar vor der Aufnahme beschichten, noch feucht belichten und sofort danach entwickeln. Landschaftsfotografie war damals weniger ein Spaziergang mit Kamera als eine kleine logistische Militäroperation.

In den 1880er-Jahren kamen Silbergelatinepapiere in allgemeinen Gebrauch. Die entwickelte Variante wurde während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zum wichtigsten Verfahren für Schwarzweißabzüge und blieb es bis zum Siegeszug der digitalen Fotografie.

Als die Fotografie Silber verschlang

Der Name Silbergelatine ist durchaus wörtlich zu nehmen. Film, Fotopapier, Röntgenmaterial und Kinofilm benötigten tatsächlich große Mengen Silber.

Die gelegentlich wiederholte Behauptung, der Großteil des weltweit gewonnenen Silbers sei im 20. Jahrhundert für die Fotografie verwendet worden, ist allerdings falsch. Die Zahlen geben das nicht her.

Richtig ist: Die Fotografie war zeitweise einer der größten, in manchen Jahren sogar der größte einzelne Einsatzbereich für Silber. Für das Jahr 1979 nennt eine Veröffentlichung des United States Geological Survey einen Anteil von rund 39 Prozent des Silberverbrauchs. Weitere große Bereiche waren Elektronik, versilberte Produkte, Schmuck und Tafelsilber.

Um die Jahrtausendwende erreichte die fotografische Silbernachfrage ihren Höhepunkt. Je nach Berechnung wurden weltweit ungefähr 220 bis 270 Millionen Feinunzen pro Jahr verbraucht. Das entsprach grob einem Viertel des gesamten Silberbedarfs.

Diese Mengen gingen keineswegs nur in die Urlaubsfotos der Familie und in kunstvoll unterbelichtete Aufnahmen ambitionierter Hobbyfotografen. Einen erheblichen Anteil benötigten Kinofilm, Röntgenaufnahmen, Druckvorstufen, wissenschaftliche Bildgebung und andere technische Anwendungen.

Ein Teil des Silbers wurde bei der Verarbeitung zurückgewonnen. Große Labore sammelten silberhaltige Rückstände aus Fixierbädern und Filmmaterial. Das geschah weniger aus ökologischer Romantik als wegen des Wertes des Metalls, führte aber erfreulicherweise zum selben Ergebnis: Das Silber landete nicht vollständig im Abfluss.

Mit der digitalen Fotografie und der digitalen medizinischen Bildgebung brach dieser Bedarf drastisch ein. Was über Jahrzehnte eine wichtige industrielle Verwendung des Silbers gewesen war, wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem vergleichsweise kleinen Spezialbereich.

Die Fotografie hatte das Silber nicht mehr nötig. Das Silber wird diese Zurückweisung vermutlich verkraftet haben.

Wie ein Silbergelatineabzug entsteht

Ein klassischer Silbergelatineabzug entsteht in der Dunkelkammer. Ausgangspunkt ist üblicherweise ein entwickeltes Schwarzweißnegativ.

Dieses wird in einen Vergrößerer eingelegt. Der Vergrößerer projiziert Licht durch das Negativ auf das darunterliegende Fotopapier. Helle Stellen des Negativs lassen viel Licht passieren und erzeugen später dunkle Bereiche im Positiv. Dichte Stellen halten Licht zurück und führen zu helleren Partien.

Der Fotograf bestimmt Ausschnitt, Größe, Schärfe, Belichtungszeit und Kontrast. Meist fertigt er zunächst Teststreifen an, um herauszufinden, wie lange das Papier belichtet werden soll.

Danach kommt das belichtete Papier in den Entwickler. Langsam erscheint in der Schale das Bild. Für Menschen, die nur Bildschirme und Tintenstrahldrucker kennen, besitzt dieser Moment noch immer etwas Magisches: Aus einer scheinbar leeren Fläche entstehen Schatten, Körper und Gesichter.

Nach dem Entwickler folgen ein Stoppbad und das Fixierbad. Der Fixierer entfernt jene lichtempfindlichen Silberverbindungen, die nicht entwickelt wurden. Erst danach kann das Bild bei normalem Licht betrachtet werden.

Schließlich muss der Abzug gründlich gewässert werden. Chemische Rückstände würden seine Haltbarkeit gefährden. Ein Silbergelatineabzug ist also nicht automatisch unsterblich, nur weil Silber darin vorkommt. Auch ein traditionelles Verfahren lässt sich durch Nachlässigkeit zuverlässig ruinieren.

Faserpapier und die Geduld des Fotografen

Viele hochwertige Silbergelatineabzüge werden auf Faserpapier hergestellt. Zwischen dem Papierträger und der lichtempfindlichen Schicht liegt meist eine helle Bariumsulfatschicht, der sogenannte Barytstrich. Er sorgt für eine gleichmäßige Oberfläche, gute Detailzeichnung und eine besondere Tiefe der Tonwerte.

Das Papier nimmt während der Verarbeitung Wasser und Chemikalien auf. Deshalb muss es lange gewässert und sorgfältig getrocknet werden. Dabei neigt es dazu, sich zu wellen.

Daneben gibt es kunststoffbeschichtetes RC-Papier. Es lässt sich schneller verarbeiten, kürzer wässern und einfacher trocknen. Es ist praktisch und zuverlässig.

Viele Dunkelkammerkünstler bevorzugen trotzdem klassisches Faserpapier wegen seiner Oberfläche und materiellen Wirkung. Das ist nicht völlig frei von Romantik. Wer einmal versucht hat, einen großen Faserabzug vollkommen plan zu trocknen, weiß allerdings, dass diese Romantik einen ausgeprägten Hang zur Disziplinierung besitzt.

Echte Silbergelatinepapiere werden bis heute hergestellt. Künstler, spezialisierte Labore und engagierte Dunkelkammerfotografen verwenden sie weiterhin. Der Silbergelatineabzug ist also kein ausgestorbenes historisches Verfahren. Er ist lediglich aus dem fotografischen Alltag verschwunden.

Die Dunkelkammer war nie unbearbeitet

Ein hartnäckiger Mythos lautet, ein analoger Abzug sei eine unmittelbare und unbearbeitete Wiedergabe des Negativs.

Das stimmt nicht.

Die Dunkelkammer war ein Ort intensiver Bildbearbeitung. Der Fotograf entschied über Ausschnitt, Belichtung, Kontrast, Papier, Entwickler und Bildton. Einzelne Bereiche konnten während der Belichtung aufgehellt oder abgedunkelt werden.

Beim Abwedeln wurde ein Teil des Fotopapiers zeitweise abgeschattet und blieb dadurch heller. Beim Nachbelichten erhielt eine ausgewählte Stelle zusätzliches Licht und wurde dunkler.

Dazu verwendete man Hände, Kartonstücke, Drähte und selbst gebaute Masken. Die Werkzeuge mussten während der Belichtung leicht bewegt werden, damit keine harten Ränder entstanden. Die Symbole für Dodge und Burn in digitalen Bildbearbeitungsprogrammen gehen noch immer auf diese Dunkelkammerwerkzeuge zurück.

Auch Retusche, Maskierungen, Mehrfachbelichtungen, Kombinationen verschiedener Negative, lokale Bleichung und chemische Tonungen waren möglich.

Die analoge Fotografie war nie unbearbeitet. Ihre Bearbeitung roch nur anders.

Von demselben Negativ konnten daher sehr unterschiedliche Abzüge entstehen. Einer konnte weich und atmosphärisch, ein anderer hart und grafisch wirken. Schatten konnten tief geschlossen oder weit geöffnet, Lichter strahlend oder zurückhaltend gestaltet werden.

Das Negativ enthielt Möglichkeiten. Der Abzug machte aus einigen dieser Möglichkeiten ein Bild.

Schwarzweiß war nie vollkommen farblos

Ein Silbergelatineabzug muss nicht neutralgrau sein. Papier, Emulsion, Entwickler und Verarbeitung beeinflussen seinen Bildton.

Ein Abzug kann kühl, neutral, warm, leicht braun oder purpurfarben erscheinen. Zusätzlich können Silbergelatineabzüge chemisch getont werden.

Eine Selentonung verändert je nach Papier die Schwärzen und kann den Bildton leicht verschieben. Unter geeigneten Bedingungen verbessert sie zudem die Stabilität des Bildsilbers. Sepiatonungen erzeugen meist wärmere braune Töne und können ebenfalls die chemische Beständigkeit beeinflussen.

Der warme Ton einer historischen Fotografie ist daher nicht immer bloß das Ergebnis ihres Alters. Manchmal war er von Anfang an beabsichtigt.

Schwarzweißfotografie war nie wirklich farblos. Sie war monochrom – und besaß innerhalb dieses scheinbar engen Raumes eine erstaunliche Vielfalt.

Eine notwendige Präzisierung zum Korn

Der Silbergelatineabzug besteht zwar aus fein verteiltem metallischem Silber. Das sichtbare fotografische Korn eines analogen Abzugs stammt jedoch hauptsächlich aus dem Filmnegativ.

Beim Vergrößern wird dessen Kornstruktur auf das Fotopapier projiziert. Je empfindlicher der Film und je stärker die Vergrößerung, desto deutlicher kann diese Struktur sichtbar werden.

Wenn wir einer digitalen Fotografie Korn hinzufügen, imitieren wir daher in erster Linie die Wirkung eines analogen Films und seiner Vergrößerung – nicht einfach das Silber im Papier.

Diese Unterscheidung klingt ein wenig nach fotografischer Kleinkrämerei, ist aber richtig. Kaum hat man eine schöne poetische Erklärung gefunden, kommt die Fotochemie herein, setzt sich an den Tisch und verlangt eine Korrektur.

Warum Künstler es heute noch tun

Auch heute arbeiten Künstler mit Schwarzweißfilm und fertigen ihre Abzüge in der Dunkelkammer an. Das geschieht nicht zwangsläufig aus Technikfeindlichkeit oder weil jemand beschlossen hat, dass das Jahr 1983 niemals hätte enden dürfen.

Ein handgefertigter Silbergelatineabzug besitzt eine materielle Qualität, die sich von einem Pigmentdruck unterscheidet. Das Bild wird nicht mit Tinte aufgetragen. Es entsteht durch Licht und chemische Entwicklung innerhalb der fotografischen Schicht.

Jeder Abzug verlangt Entscheidungen. Abwedeln, Nachbelichten und Belichtungszeiten müssen wiederholt werden. Gute Dunkelkammerfotografen führen genaue Aufzeichnungen, um ihre Ergebnisse reproduzieren zu können. Trotzdem bleibt jeder Handabzug in einem gewissen Maß ein eigenes Objekt.

Auch die Langsamkeit des Verfahrens spielt eine Rolle. Belichten, entwickeln, fixieren, wässern und trocknen lassen sich nicht beliebig beschleunigen. Die Dunkelkammer widersetzt sich dem heutigen Ideal, jedes Bild sofort sehen, korrigieren und veröffentlichen zu müssen.

Das macht das Ergebnis nicht automatisch besser. Auch in vier Stunden lässt sich ein schlechter Abzug herstellen – dann allerdings mit außerordentlicher Hingabe.

Die digitale Annäherung

Eine digitale Fotografie kann die Anmutung eines Silbergelatineabzugs aufnehmen, ohne selbst einer zu sein.

Dazu braucht es mehr als einen Schwarzweißfilter und eine Portion Korn. Entscheidend sind die Tonwerte. Die Schatten benötigen Tiefe, dürfen aber nicht gedankenlos zulaufen. Die Lichter sollen leuchten, ohne strukturlos auszubrennen. Besonders wichtig sind die Übergänge dazwischen.

Lokale Aufhellungen und Abdunklungen übernehmen die Funktion des früheren Abwedelns und Nachbelichtens. Masken, Kurven und Dodge and Burn sind keine Erfindungen eines geschmacklosen digitalen Zeitalters. Sie führen eine alte fotografische Arbeitsweise mit anderen Werkzeugen weiter.

Auch ein leicht warmer oder kühler Bildton kann glaubwürdiger wirken als vollkommen neutrales Computergrau. Er sollte allerdings so zurückhaltend bleiben, dass man ihn eher empfindet als bewusst bemerkt.

Das Korn muss zum Bild passen. Gleichmäßig darübergestreutes Standardrauschen erzeugt selten eine überzeugende analoge Wirkung. Das Korn soll Teil der Oberfläche werden und nicht wie Staub auf einem frisch polierten Möbelstück liegen.

Schließlich entscheidet das Papier wesentlich über die Wirkung. Moderne Baryta-Inkjetpapiere orientieren sich an klassischen Dunkelkammerpapieren. Sie besitzen meist eine glatte oder leicht strukturierte Oberfläche, tiefe Schwärzen und eine feine Wiedergabe der Grautöne.

Matte Baumwollpapiere erzeugen eine andere Wirkung. Ihre Schwärzen sind meist weniger tief, ihr Weiß weicher und die Papieroberfläche stärker wahrnehmbar. Die Fotografie nähert sich dadurch eher einer Zeichnung oder Druckgrafik.

Keine der Möglichkeiten ist grundsätzlich besser. Die Frage lautet nicht, welches Papier am teuersten oder auf der Verpackung am eindrucksvollsten beschrieben ist.

Die Frage lautet: Welches Papier gehört zu diesem Bild?

Was das mit meiner Arbeit zu tun hat

Meine Fotografien entstehen digital. Ich nehme sie als RAW-Dateien auf, entwickle und bearbeite sie selbst und lasse sie als zeitgenössische Drucke ausgeben.

Ich stelle also keine traditionellen Silbergelatineabzüge her. Wenn ich von einer Silbergelatine-Anmutung spreche, meine ich keine technische Identität, sondern eine ästhetische Verwandtschaft.

Diese beginnt beim Licht. Viele meiner Arbeiten beziehen sich auf die Schwarzweißfotografie des frühen 20. Jahrhunderts, auf die formale Strenge František Drtikols und auf eine Bildsprache, in der Schatten nicht nur fehlende Beleuchtung, sondern ein aktiver Teil der Komposition sind.

Der Körper wird nicht vollständig ausgeleuchtet und erklärt. Das Licht modelliert einzelne Partien, während andere im Dunkel verschwinden. Die Fotografie zeigt nicht alles. Sie lässt dem Betrachter Raum, das Fehlende selbst zu ergänzen.

Auch meine Bearbeitung setzt Gedanken der Dunkelkammer fort. Lokale Aufhellungen und Verdichtungen, die Führung des Blicks und die Betonung einzelner Körperlinien entsprechen in ihrer Absicht dem Abwedeln und Nachbelichten eines analogen Abzugs.

Das hinzugefügte Korn soll die makellose Glätte des digitalen Sensors brechen. Es behauptet nicht, dass die Aufnahme auf Film entstanden sei. Es gibt der Oberfläche Struktur und nimmt dem Körper jene sterile Perfektion, die moderne Kameras und Programme so bereitwillig erzeugen.

Der angehobene Schwarzpunkt und die kontrollierte Weichheit entfernen die Bilder bewusst von der aggressiven Brillanz vieler gegenwärtiger Digitalfotografien. Ein angehobener Schwarzpunkt entspricht allerdings nicht automatisch einem klassischen glänzenden Silbergelatineabzug. Hochwertige Barytpapiere konnten ausgesprochen tiefe Schwärzen besitzen. Meine Bearbeitung nähert sich eher matten Papieren, weicheren historischen Abzügen oder einer druckgrafischen Wirkung.

Diese Entscheidungen ergeben keine Fälschung eines historischen Verfahrens. Sie sind eine Übersetzung.

Für stärker fotografisch geprägte Schwarzweißarbeiten kann ein Barytapapier sinnvoll sein. Es unterstützt tiefe Schwärzen, klare Lichter und feine Tonwertübergänge.

Bei meinen Arbeiten mit Rötelnotizen, Handschrift und der Anmutung historischer Studienblätter ist hingegen ein mattes Cotton Rag schlüssiger. Dort soll die Fotografie nicht wie ein glänzender Laborabzug auf dem Papier liegen. Sie soll sich mit Zeichnung und Schrift zu einem gemeinsamen Objekt verbinden.

Das Baumwollpapier nimmt der digitalen Aufnahme einen Teil ihrer Brillanz. In diesem Zusammenhang ist das kein Mangel, sondern Teil des Konzepts. Die Fotografie tritt einen Schritt zurück und nähert sich der Zeichnung.

Tradition ohne Verkleidung

Der Silbergelatineabzug war über viele Jahrzehnte das zentrale Medium der Schwarzweißfotografie. In ihm verbanden sich Licht, Chemie, Papier und handwerkliche Interpretation.

Er war niemals bloß eine neutrale Wiedergabe. Der Fotograf entschied in der Dunkelkammer über Helligkeit, Kontrast, Ausschnitt, lokale Gewichtung, Oberfläche und Bildton.

Heute lassen sich dieselben gestalterischen Fragen mit digitalen Werkzeugen weiterführen. RAW-Entwicklung, Kurven, Masken, Dodge and Burn, Korn und Papierwahl übernehmen Aufgaben, die bereits in anderer Form in der Dunkelkammer existierten.

Das Ergebnis bleibt ein digitales Werk. Seine Nähe zur Silbergelatine liegt nicht in einer vorgetäuschten Chemie, sondern in der Art, wie Licht, Schatten, Tonwert und Oberfläche behandelt werden.

Vielleicht ist das die sinnvollste Form, mit fotografischer Tradition umzugehen: nicht das alte Verfahren oberflächlich zu verkleiden, sondern seine bildnerischen Erkenntnisse zu verstehen.

Ein digitaler Pigmentdruck muss kein Silbergelatineabzug sein, um von ihm zu lernen.

Er sollte nur ehrlich genug sein, sich nicht als einer auszugeben.

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