Teil I: Seit wann muss Handschrift eigentlich nicht mehr schön sein?
Es ginge auch ohne
Teil I: Seit wann muss Handschrift eigentlich nicht mehr schön sein?
Es gibt Dinge, bei denen ich offenbar etwas aus der Zeit gefallen bin. Handschrift gehört dazu. Ich schreibe gerne mit der Hand, und zwar nicht nur, weil es praktisch ist, sondern weil mir die Form der Schrift etwas bedeutet. Ich habe unterschiedliche historische Schriften gelernt, verwende Schrift immer wieder in meiner fotografischen Arbeit und nehme derzeit wieder Unterricht bei einer Kalligraphin, um meine Handschrift weiter zu verbessern. Man könnte einwenden, dass das vollkommen unnötig ist. Ich kann schreiben, meine Handschrift ist lesbar, und ich kann damit Informationen von meinem Kopf auf ein Blatt Papier und von dort in den Kopf eines anderen Menschen transportieren. Der eigentliche Zweck von Schrift wäre damit erfüllt. Aber ist das tatsächlich ihr einziger Zweck? Denn sobald wir über Handschrift sprechen, begegnen uns drei Begriffe, die erstaunlich schlecht miteinander auskommen: Funktion, Lesbarkeit und Schönheit.
In Wien wurde vor einigen Jahren eine neue Schulschrift entwickelt: Prima, inzwischen zur Schriftfamilie Primæ erweitert. Sie soll Kindern das Schreibenlernen erleichtern, einen natürlichen Schreibfluss unterstützen, Buchstaben besser unterscheidbar machen und einen leichteren Übergang zwischen unverbundener und verbundener Schrift ermöglichen. Dazu kommt ein umfangreicher Zeichensatz, der die sprachliche Vielfalt einer Stadt wie Wien berücksichtigen soll. Hinter Prima stehen Überlegungen zu Schreibmotorik, Lesbarkeit, Ergonomie, Mehrsprachigkeit und unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Das sind keine absurden Ziele. Im Gegenteil. Die einzelnen Buchstaben sollen leichter erlernbar und besser voneinander unterscheidbar sein, was unter anderem Kindern mit Leseschwierigkeiten helfen soll.
Nur habe ich einen Einwand, der gegenüber all diesen vernünftigen Argumenten beinahe lächerlich banal klingt: Ich finde diese Schrift nicht schön. Und während ich sie betrachte, stelle ich mir unwillkürlich eine Sitzung vor. Irgendwann müssen Menschen Schriftproben auf einem Tisch oder Bildschirm vor sich gehabt haben. Fachleute werden über Schreibmotorik, Lesbarkeit, Lernvoraussetzungen, Mehrsprachigkeit und Inklusion gesprochen haben. Typografen werden Buchstabenformen, Abstände und Verbindungen diskutiert haben. Wahrscheinlich gab es Präsentationen und eine Menge guter Argumente. In meiner Phantasie warte ich darauf, dass irgendwann jemand aufsteht, auf die Schriftprobe zeigt und sagt: „Entschuldigung. Haben wir uns das eigentlich angesehen? Die Schrift ist gegenüber jener, die wir aufgeben wollen, potthässlich. Das können wir doch nicht ernsthaft unseren Kindern beibringen.“
Das ist natürlich eine erfundene Szene. Und „potthässlich“ ist mein Urteil, kein objektiver Befund. Die Entwickler selbst sprechen von einer eleganten Schrift; Prima wurde außerdem für ihr Type Design ausgezeichnet. Es gibt also offensichtlich Menschen mit erheblicher typografischer Kompetenz, die meine Einschätzung nicht teilen. Damit kann ich leben. Interessanter ist ohnehin eine andere Frage: Welches Gewicht hätte mein Einwand überhaupt? Lesbarkeit kann man untersuchen, Schreibgeschwindigkeit messen, Lernschwierigkeiten beobachten und die Zahl der verfügbaren Zeichen zählen. Für all das lassen sich Kriterien definieren, Tabellen anlegen und wahrscheinlich auch sehr schöne Präsentationen erstellen. Schönheit hat es schwerer. Sie sitzt etwas verloren am Ende des Besprechungstisches und kann eigentlich nur sagen: „Aber schaut doch hin.“ Vermutlich kein besonders belastbares Argument für eine Arbeitsgruppe.
Gehen wir ungefähr 175 Jahre zurück. Ein österreichisches Schulkind lernte damals Kurrent. Nicht Sütterlin, wie heute beinahe jede alte deutsche Handschrift reflexartig genannt wird; Sütterlin entstand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland und gehört in eine wesentlich spätere Entwicklung. Die Kurrent um 1850 hatte einen anderen Duktus als die späteren vereinfachten Formen und erst recht als unsere heutigen Schulschriften. Sie war geneigt, rhythmisch und bewegt. Ober- und Unterlängen gliederten das Schriftbild, die Buchstaben folgten einem ausgeprägten Bewegungsfluss, und mit der entsprechenden Feder entstand jener Wechsel aus feinen Haarstrichen und kräftigeren Schattenstrichen, der der Schrift einen großen Teil ihrer Spannung gibt. Ich liebe diese Schrift und habe sie selbst geschrieben. Mich fasziniert der Bewegungsablauf, der hinter ihr steckt. Eine gut ausgeführte Kurrent dieser Zeit besitzt für mich eine Eleganz, die weit über ihre Aufgabe hinausgeht, Sprache lesbar auf Papier zu bringen. Man sieht nicht nur Buchstaben. Man sieht Rhythmus und Bewegung.
Natürlich bedeutet das nicht, dass im 19. Jahrhundert jeder Mensch wunderschön geschrieben hätte. Wer historische Briefe, Kirchenbücher oder andere handschriftliche Quellen gelesen hat, wird von dieser romantischen Vorstellung ziemlich schnell geheilt. Manche historischen Handschriften erwecken den Eindruck, ihr Urheber habe gleichzeitig geschrieben, ein Pferd geritten und versucht, einen kleineren Hausbrand zu löschen. Der entscheidende Unterschied liegt also nicht darin, dass früher alle Menschen schön geschrieben hätten. Er liegt darin, dass schön schreiben zu können als eine Fähigkeit galt, die vermittelt werden sollte. Proportionen, Neigung, Abstände und Bewegungsabläufe waren nicht beliebig. Ein Kind sollte einen Buchstaben nicht nur so zu Papier bringen, dass ein anderer erkennen konnte, welcher gemeint war. Es sollte lernen, ihn gut zu formen. Die Hand wurde nicht nur darauf trainiert, Information festzuhalten. Sie wurde geschult.
Schönschreiben ist natürlich nicht verschwunden. Menschen beschäftigen sich mit Kalligraphie, besuchen Kurse, lernen historische Schriften und verbringen freiwillig Stunden damit, einen Bewegungsablauf zu verbessern, der für die reine Informationsübermittlung längst gut genug wäre. Ich gehöre selbst zu diesen Menschen. Verschwunden ist also nicht das Schönschreiben, sondern weitgehend sein selbstverständlicher Platz als allgemeiner schulischer Anspruch: die Vorstellung, dass eine Handschrift nicht nur lesbar und flüssig, sondern auch schön sein sollte – und dass es Aufgabe der Schule sein könnte, diese Fähigkeit systematisch zu vermitteln. Schönheit wurde nicht abgeschafft. Sie hat lediglich ihren Status verändert. Aus einem schulischen Soll wurde zunehmend ein privates Kann.
Auch die Kurrent blieb selbstverständlich nicht unverändert. Die Schrift um 1900 unterscheidet sich im Duktus deutlich von jener der Mitte des 19. Jahrhunderts, und auch diese spätere Kurrent kenne ich nicht nur aus Schriftproben. Ich habe sie jahrelang für meine persönlichen Notizen in meinem Bullet Journal verwendet. Dort schrieb ich natürlich nicht kalligraphisch. Das war wirkliche Gebrauchsschrift: schnell geschrieben, persönlich verformt und mit der Zeit so selbstverständlich, dass ich über die einzelnen Buchstaben nicht mehr nachdenken musste. Sie hatte allerdings eine ausgesprochen praktische Nebenwirkung: Nur ich konnte meine Handschrift lesen. Für sehr persönliche Gedanken war das optimal. Als Verschlüsselungsverfahren hätte meine Handschrift vermutlich keiner ernsthaften kryptographischen Prüfung standgehalten; gegen neugierige Mitmenschen funktionierte sie dagegen ausgezeichnet.
Vor einigen Jahren führte das zu einer recht vergnüglichen Diskussion mit meinem Steuerberater. Es ging um das Fahrtenbuch und um die Frage, ob ich dieses eigentlich in Kurrent führen könnte. Meine Position war ziemlich einfach: Warum nicht? Immerhin lebten damals noch genügend österreichische Steuerpflichtige, die diese Schrift selbst in der Schule gelernt hatten. Sollte es einem Steuerprüfer wirklich nicht zuzumuten sein, eine ehemalige österreichische Schulschrift lesen zu können? Mein Steuerberater fand diese Überlegung deutlich weniger unterhaltsam als ich. Ausjudiziert haben wir die Sache vorsichtshalber nicht – vermutlich eine unserer besseren gemeinsamen Entscheidungen.
Hinter diesem kleinen Streit steckt allerdings eine ernsthafte Frage: Wann ist eine Schrift eigentlich lesbar? Reicht es, dass sie nach festen Regeln geschrieben wurde, oder muss der konkrete Empfänger diese Regeln ebenfalls beherrschen? In Deutschland wurde eine erstaunlich ähnliche Frage tatsächlich vor Gericht geklärt. Ein Gefangener in der Justizvollzugsanstalt Celle korrespondierte seit mehreren Jahren mit seiner Verlobten in Sütterlinschrift. Die Kontrolle dieser Briefe verursachte der Anstalt nach eigener Darstellung einen hohen Aufwand; schließlich sollten entsprechende Schreiben zurückgehalten und zurückgesandt werden, solange der Gefangene nicht bereit war, die Kosten einer Transkription zu übernehmen und die dadurch entstehenden Verzögerungen zu akzeptieren. Die JVA selbst verwendete dafür übrigens den Begriff „Übersetzung“ – obwohl keine andere Sprache im Spiel war.
Das Oberlandesgericht Celle machte 2009 nicht mit. Allein die Verwendung von Sütterlin reiche nicht aus, um einen Brief als Geheimschrift, unlesbar oder unverständlich zu behandeln. Besonders interessant ist die Überlegung des Gerichts zur Lesbarkeit: Dabei könne berücksichtigt werden, welche Schriften der Bevölkerungsdurchschnitt in der Schule zu lesen gelernt habe. Damals konnte Sütterlin nach Auffassung des Gerichts noch von weiten Teilen der Bevölkerung gelesen werden; auch Bedienstete der JVA beherrschten die Schrift. Gleichzeitig bemerkte das Gericht, dass sich diese Beurteilung in Zukunft ändern könne, weil sich auch der Schreibunterricht in den Schulen fortlaufend verändere. Der Fall trägt das Aktenzeichen 1 Ws 248/09 (StrVollz), Beschluss vom 19. Mai 2009.
Das finde ich bemerkenswert, weil es unsere Vorstellung von Lesbarkeit auf den Kopf stellt. Eine Schrift kann über Generationen vollkommen unverändert bleiben und trotzdem langsam unlesbar werden. Nicht weil sich ihre Buchstaben verändert hätten, sondern weil die Menschen verschwinden, die gelernt haben, sie zu lesen. Eine Gesellschaft kann eine Schrift also auch dadurch unlesbar machen, dass sie aufhört, sie zu lehren. Damit wird zugleich deutlich, wie relativ der Begriff „Funktionalität“ ist. Meine Kurrent im Bullet Journal war funktional, weil kaum jemand sie lesen konnte. Dieselbe Schrift in einem Fahrtenbuch könnte irgendwann gerade deshalb ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Die Schrift hat sich dabei nicht verändert. Nur ihr Zweck und ihr Leser haben sich geändert. Eine Schrift ist nicht einfach funktional. Sie ist funktional für etwas und für jemanden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte Ludwig Sütterlin in Deutschland eine neue Ausgangsschrift. Dahinter stand wiederum ein nachvollziehbarer Gedanke: Das Schreiben sollte einfacher zu erlernen sein. Die Schrift wurde aufrechter, ihre Formen elementarer und der Strich gleichmäßiger. Damit verschwand aber einiges von dem, was die ältere Kurrent für mich ästhetisch reizvoll macht: die Neigung, die ausgeprägte Strichmodulation, ein Teil ihrer Spannung und Bewegung. Ich mag Sütterlin nicht. Das ist kein wissenschaftliches Urteil, sondern ein ästhetisches. Für mich ist sie eine Verschlimmbesserung. Ich kann die pädagogische Idee hinter der Vereinfachung nachvollziehen und das Ergebnis trotzdem weniger schön finden.
Interessant ist daran die Frage, was eine Vereinfachung kosten darf. Wenn eine schwierige Form leichter erlernbar gemacht wird, ist das zunächst ein Gewinn. Wenn aber gerade ein Teil dieser Schwierigkeit Fähigkeiten trainiert, die später Qualität ermöglichen, wird die Rechnung komplizierter. Eine anspruchsvolle Feder verlangt Kontrolle. Druck und Entlastung müssen stimmen, und die Hand muss Bewegungsabläufe lernen, bis sie selbstverständlich werden. Das Ergebnis dieser Mühe besteht nicht nur darin, dass irgendwann ein lesbares „M“ auf dem Papier steht. Die Mühe selbst bildet eine Fähigkeit aus. Das soll nicht heißen, Schwierigkeit besitze einen Wert an sich oder Kinder sollten etwas mühsam lernen, nur weil Generationen vor ihnen ebenfalls darunter gelitten haben. Aber zwischen unnötiger Schwierigkeit und notwendiger Übung zur Beherrschung einer Fähigkeit besteht ein Unterschied. Wer Klavier spielen, zeichnen oder kalligraphisch schreiben lernen möchte, wird seiner Hand Dinge beibringen müssen, die sie anfangs nicht kann.
1941 kam ein radikaler Einschnitt. Im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich wurde die Abkehr von den sogenannten deutschen Schriften angeordnet. In Bormanns Rundschreiben vom 3. Jänner 1941 wurde die Antiqua zur „Normal-Schrift“ erklärt; sobald es schulbuchmäßig möglich sei, sollte in den Schulen nur noch diese gelehrt werden. Als Begründung verbreitete der Erlass die antisemitische und historisch falsche Behauptung, die sogenannte gotische Schrift bestehe aus „Schwabacher Judenlettern“. Welche praktischen und politischen Motive hinter der abrupten Kehrtwende zusätzlich standen, wird historisch diskutiert; der Erlass selbst nennt unter anderem die Umstellung von Publikationen mit Auslandsverbreitung. Für unsere Frage ist aber etwas anderes entscheidend: Der Wechsel zur lateinischen Schrift bedeutete keineswegs zwangsläufig einen Abschied von schöner Handschrift. Die Geschichte der lateinischen Kalligraphie beweist eher das Gegenteil. Man muss nur eine gute Copperplate sehen, um die Vorstellung zu verlieren, Schönheit sei ein exklusives Eigentum der Kurrent. Internationale Lesbarkeit, lateinische Buchstabenformen und hoher ästhetischer Anspruch schließen einander überhaupt nicht aus.
Springen wir nach Österreich in die 1990er-Jahre. Bei der Österreichischen Schulschrift 1995 wurde die Schrift ausdrücklich nicht als verbindliche Norm, sondern als „Richtalphabet“ für den Anfangsunterricht verstanden. Buchstaben und Ziffern sollten eindeutig, klar und leicht zu schreiben sein; zugleich wurde den Kindern bei Einhaltung dieser Kriterien Raum für individuelle Ausformungen gegeben. Auch bei Schriftneigung und Schriftgröße bestand individuelle Offenheit. Das ist ein bemerkenswerter Wandel: Die Vorlage definiert nicht mehr ein möglichst exakt zu reproduzierendes ästhetisches Endergebnis, sondern bietet eine funktionale Grundlage, aus der eine persönliche Handschrift entstehen soll.
Auch dafür gibt es gute Gründe. Menschen sind verschieden, Hände sind verschieden und Bewegungsabläufe sind verschieden. Eine persönliche Handschrift muss nicht aussehen wie eine normierte technische Zeichnung. Trotzdem geschieht dabei etwas, das mich interessiert. Die ästhetische Qualität der Handschrift wird nicht verboten und sie verschwindet auch nicht. Sie verliert vielmehr nach und nach an Gewicht, an Aufmerksamkeit und an Bedeutung als eigenständiges Bildungsziel. Und damit sind wir wieder bei Prima.
Der Wiener Bildungsserver formuliert den veränderten Schwerpunkt bemerkenswert offen. Unter der Überschrift „Selbstermächtigung statt Zwang“ wird erklärt, bisherige Schriften seien darauf ausgerichtet gewesen, möglichst schön zu schreiben; Prima habe dagegen den Anspruch, die Funktion der Schrift hervorzuheben. Die starre Struktur einer durchgehend verbundenen Schrift wird aufgebrochen, der Übergang zur unverbundenen Schrift erleichtert, und Kinder sollen dadurch intuitiver und schneller schreiben lernen. Damit steht unsere Ausgangsfrage beinahe schwarz auf weiß vor uns: Die Funktion der Schrift rückt gegenüber dem Anspruch, möglichst schön zu schreiben, in den Vordergrund.
Und ich bleibe an genau diesem Punkt hängen. Nicht weil ich die anderen Ziele ablehne. Eine Schrift, mit der ein Kind leichter schreiben lernt, ist sinnvoll. Wenn Buchstaben eindeutiger unterscheidbar sind und dadurch Kindern mit Schwierigkeiten helfen, ist das sinnvoll. Wenn eine Schrift den tatsächlichen sprachlichen Verhältnissen einer Stadt besser entspricht, ist das sinnvoll. Und wenn der Übergang zwischen unterschiedlichen Schreibweisen erleichtert wird, ist auch das ein Argument. Nur weshalb müssen Funktion und Schönheit überhaupt gegeneinander ausgespielt werden? Warum sollte eine Schulschrift entweder leichter erlernbar, ergonomisch, inklusiv, mehrsprachig und funktional oder schön sein?
Die Entwickler von Prima würden mir an dieser Stelle vermutlich widersprechen. Sie bezeichnen ihre Schrift selbst als elegant. Ich bleibe trotzdem bei meinem Urteil: Ich finde sie nicht schön. Damit wird aus meiner persönlichen Geschmacksfrage aber eine wesentlich interessantere Frage. Welchen Stellenwert besitzt Schönheit noch, wenn alle funktionalen Anforderungen erfüllt sind?
Ich erwarte nicht, dass ein Volksschulkind des 21. Jahrhunderts Kurrent von 1850 lernt. Das wäre absurd. Zwischen diesen beiden Welten liegen fast zwei Jahrhunderte gesellschaftlicher, technischer und pädagogischer Entwicklung. Ich möchte auch nicht zurück zu einer Schule, in der Kinder wegen eines schlecht geformten Buchstabens gedemütigt werden, und eine individuelle Handschrift ist für mich kein Zeichen kulturellen Verfalls. Meine Frage ist wesentlich einfacher: Seit wann muss Handschrift eigentlich nicht mehr schön sein? Wann wurde aus dem Ziel, schön, flüssig und lesbar schreiben zu lernen, vor allem das Ziel, flüssig und lesbar schreiben zu können? Und weshalb verlor ausgerechnet die Schönheit dabei an Gewicht?
Vielleicht ist Handschrift nur ein besonders gut sichtbares Beispiel für eine größere Entwicklung. Wir haben gelernt, Dinge nach ihrer Funktion zu beurteilen. Sie sollen ihren Zweck erfüllen, einfach benutzbar, wirtschaftlich herstellbar, ergonomisch und möglichst vielen Menschen zugänglich sein. Das sind keine schlechten Eigenschaften. Im Gegenteil. Nur ist Funktionalität kein natürlicher Gegner der Schönheit. Vielleicht liegt das eigentliche Problem deshalb gar nicht darin, dass wir Dinge vereinfachen oder funktionaler machen. Vielleicht beginnt es dort, wo eine funktionale Lösung bereits als hinreichende Lösung gilt und die Frage nach der Schönheit nicht mehr selbstverständlich gestellt wird.
Denn das Bedürfnis nach schöner Schrift haben wir offensichtlich nicht verloren. Menschen beschäftigen sich mit Kalligraphie, kaufen schöne Schreibgeräte, betrachten historische Manuskripte und reagieren auf etwas, das sichtbar mit Können und Aufmerksamkeit von Hand geschrieben wurde. Wir haben die Schönheit also möglicherweise gar nicht verloren. Wir haben nur aufgehört, sie als selbstverständlichen Anspruch zu betrachten. Schönheit ist vom Muss zum Kann geworden.
Das ist zunächst nur eine Beobachtung über Handschrift. Im zweiten Teil möchte ich die Frage größer stellen. Denn vielleicht betrifft diese Verschiebung nicht nur die Art, wie wir Buchstaben schreiben. Vielleicht betrifft sie Gegenstände, Architektur, Handwerk, Gestaltung und schließlich die Frage, weshalb wir überhaupt Zeit und Mühe für etwas aufwenden sollten, das auch schneller, einfacher und billiger ginge.
Es ginge schließlich auch ohne.
