Es gibt einen Satz, den ich immer wieder höre, meist von Menschen, die mit Fotografie eher als Betrachtende denn als Fotografierende in Berührung kommen: „Ein Foto darf nicht bearbeitet werden, sonst ist es nicht mehr echt.“ Dieser Satz klingt auf den ersten Blick plausibel – und ist bei näherer Betrachtung doch erstaunlich ahistorisch.
Retusche begleitet die Fotografie beinahe seit ihrer Geburt. Schon im 19. Jahrhundert wurden fotografische Negative und Abzüge bearbeitet. Lange bevor es digitale Werkzeuge gab, arbeitete man mit Bleistift, Farbe, Tusche, Rasierklinge, Schabern und später mit dem Airbrush. Hautunreinheiten, Narben, Hasenscharten, ein Kropf, störende Schatten, fehlerhafte Belichtungen oder technische Unzulänglichkeiten wurden bereits damals korrigiert. Retusche ist also keineswegs ein Produkt von Photoshop, sondern ein historisch tief verankerter Teil der fotografischen Praxis. Spätestens mit Handbüchern wie The Art of Retouching Photographic Negatives and Prints von J. P. Ourdan aus dem Jahr 1880 wurde sie systematisch gelehrt.
Doch auch unabhängig von der eigentlichen Retusche war Fotografie nie ein neutrales Abbild der Wirklichkeit. Schon im analogen Zeitalter wurde der Charakter eines Bildes wesentlich durch die Wahl des Filmes beeinflusst. Wer fotografierte, entschied sich nicht bloß für ein Motiv, sondern zugleich für eine bestimmte Bildsprache. Unterschiedliche Filme besaßen unterschiedliche Kornstrukturen, Kontrastumfänge, Farbwiedergaben und Tonwerte. Ein Kodak-Film erzeugte eine andere Stimmung als ein Fuji-Film, ein klassischer Schwarzweißfilm wiederum eine andere Tiefe und Kornigkeit als ein feinkörniger Portraitfilm. Bereits die Wahl des Materials war also ein bewusster ästhetischer Eingriff. Mit anderen Worten: Schon lange vor Photoshop wurde das Bild gestaltet. Nicht erst in der Dunkelkammer. Bereits im Moment der Materialwahl.
Ein für mich wesentlicher Punkt wird in dieser Diskussion jedoch oft völlig übersehen: Das eigentliche Bild entsteht für mich nicht in der Kamera. Es existiert häufig bereits lange vor dem Shooting. Noch bevor das Modell beginnt zu posen, bevor das Licht gesetzt wird, bevor die Kamera überhaupt in die Hand genommen wird, ist das Bild in meinem Kopf bereits vorhanden – manchmal als klare Komposition, manchmal als Atmosphäre, manchmal als Lichtidee, manchmal als emotionale Spannung zwischen Licht, Schatten und Körper.
Das Shooting ist in diesem Sinn nicht der Beginn des Bildes, sondern ein Schritt in seiner Verwirklichung. Die Aufnahme liefert mir das Rohmaterial. Ich verwende dieses Wort ganz bewusst. Denn so wie ein Bildhauer mit Stein oder Holz arbeitet, arbeite ich mit fotografischem Rohmaterial. Die Kamera liefert mir jene Informationen, aus denen das eigentliche Werk geformt wird.
Ich selbst fotografiere grundsätzlich in RAW. Das ist mir wichtig. Ein RAW-Bild ist kein fertiges Bild. Es ist ein Rohdatenformat, das einen enormen Informationsumfang speichert: Lichter, Schatten, Farbinformationen und Reserven in den Tonwerten. Gerade deshalb wirkt ein unbearbeitetes RAW oft flach, grau und beinahe enttäuschend. Nicht, weil es schlecht wäre, sondern weil es noch nicht ausgearbeitet wurde. Es ist vergleichbar mit einem Negativ in der analogen Dunkelkammer. Erst in der Entwicklung entsteht das eigentliche Bild.
Auch das Bild aus dem Smartphone ist in Wahrheit bereits bearbeitet. Viele Menschen übersehen das. Das Handybild ist keineswegs „echt“ oder unbearbeitet. Im Gegenteil: Es ist hochgradig softwaregestützt. Je nach Hersteller und Kameramodell entscheiden Algorithmen, welche Bereiche betont werden, wie Kontraste angehoben, Farben interpretiert, Hauttöne dargestellt, Schatten aufgehellt und Details nachgeschärft werden. Oft werden mehrere Aufnahmen innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem einzigen Bild verrechnet, ohne dass die fotografierende Person davon überhaupt etwas bemerkt.
Dabei erzeugen unterschiedliche Kameras und Smartphones keineswegs dasselbe Bild. Fotografiert man dieselbe Szene mit verschiedenen Geräten im JPEG-Modus, können die Ergebnisse deutlich voneinander abweichen. Nicht, weil eines davon zwangsläufig richtig und das andere falsch wäre, sondern weil die Hersteller unterschiedliche Prioritäten setzen. Manche Smartphones erzeugen bewusst kräftigere Farben, hellere Schatten, stärkere Kontraste und eine auffällige Schärfe. Die Bilder wirken unmittelbar brillant, plakativ und beinahe schon für soziale Medien vorbereitet. Andere Geräte setzen eher auf zurückhaltendere Farben, ausgewogenere Tonwerte oder eine andere Interpretation von Hauttönen. Das vermeintlich „unbearbeitete“ Bild ist also längst interpretiert worden – nur nicht von der Fotografin oder dem Fotografen, sondern von der Software und letztlich von den Entwicklerinnen und Entwicklern des Herstellers.
Auch JPEG ist kein neutrales Format. Ein JPEG ist bereits eine Auswahl. Aus der Gesamtheit der vorhandenen Bildinformationen werden bestimmte Daten priorisiert, andere komprimiert oder endgültig verworfen. Kontrast, Farbsättigung, Schärfung, Rauschunterdrückung und Tonwertwiedergabe wurden bereits beeinflusst, bevor das Bild überhaupt auf dem Display erscheint.
Als Fotograf, der seine RAW-Dateien selbst entwickelt, treffe ich diese Entscheidungen bewusst. Ich bestimme, welche Informationen des aufgenommenen Bildes ich betone: wie hell oder dunkel die Schatten erscheinen, wie viel Zeichnung die Lichter behalten, wie stark die Kontraste wirken, welche Tonwerte hervortreten, wie Farben interpretiert werden und welche Atmosphäre das fertige Bild erhält. Ich übernehme damit selbst die Verantwortung für die Entwicklung meines Bildes.
Wer hingegen Bildbearbeitung grundsätzlich ablehnt und ausschließlich im JPEG-Format fotografiert, verzichtet nicht auf Bearbeitung. Er überlässt diese Bearbeitung lediglich anderen. In diesem Fall entscheidet die Software der Kamera oder des Smartphones, welche Farben verstärkt, welche Schatten aufgehellt, welche Lichter begrenzt, wie stark Details geschärft und Bildrauschen reduziert werden. Die ästhetischen Entscheidungen werden weiterhin getroffen – nur nicht von der Person, die fotografiert, sondern weitgehend von den Entwicklerinnen und Entwicklern des jeweiligen Kamerasystems.
Die Alternative lautet daher nicht: „Bearbeitet oder unbearbeitet?“ Sondern: „Wer entscheidet, wie das Bild entwickelt wird?“ Der Fotograf – oder der Hersteller der Kamera beziehungsweise des Smartphones? Bearbeitet sind beide Bilder.
Die Vorstellung, das Bild direkt aus der Kamera sei automatisch „natürlich“, beruht daher auf einem Missverständnis. Denn auch die Kamera selbst bildet die Welt nicht so ab, wie das menschliche Auge sie wahrnimmt. Ein besonders anschauliches Beispiel sind Gruppenselfies mit dem Smartphone. Damit möglichst viele Menschen auf das Bild passen, werden meist sehr weitwinklige Objektive verwendet. Wer sich am Rand der Aufnahme befindet, kann dadurch deutlich breiter oder verzerrt erscheinen. Gesichter werden auseinandergezogen, Köpfe wirken größer, Körperproportionen verändern sich. Je näher die Kamera ist und je weiter außen eine Person steht, desto deutlicher kann dieser Effekt werden.
Das ist keine Eigenschaft des Menschen. Es ist eine Folge von Aufnahmeperspektive, kurzer Distanz, Weitwinkelobjektiv und der Art, wie eine räumliche Wirklichkeit auf eine flache Bildfläche projiziert wird.
Ich habe einer Bekannten einmal genau dieses Beispiel gezeigt. Sie hatte mir zuvor erklärt, dass sie jede Form der Bildbearbeitung ablehne. Bilder müssten ihrer Ansicht nach „ganz natürlich“ sein. Auf einem Gruppenselfie war ihr Gesicht am Bildrand durch die Weitwinkelaufnahme deutlich breiter dargestellt, als es in Wirklichkeit ist. Eine nachträgliche Korrektur hätte sie nicht schlanker gemacht und kein künstliches Schönheitsideal erzeugt. Sie hätte lediglich eine technisch bedingte Verzerrung reduziert.
Was wäre in diesem Fall also natürlicher? Das unbearbeitete Bild, das einen Menschen sichtbar verzerrt? Oder das bearbeitete Bild, das seiner tatsächlichen Erscheinung wieder näherkommt? Die Antwort ist weniger eindeutig, als es der Satz „Ein Foto darf nicht bearbeitet werden“ vermuten lässt.
Die Vorstellung, eine Kamera bilde die Welt genauso ab, wie das menschliche Auge sie sieht, ist ohnehin falsch. Das menschliche Sehen ist kein einzelnes, eingefrorenes Bild. Unsere Augen bewegen sich ständig. Sie passen sich an unterschiedliche Helligkeiten an, erfassen Details selektiv, verändern den Fokus und liefern dem Gehirn fortlaufend Informationen. Das Gehirn verbindet, ergänzt, gewichtet und interpretiert diese Eindrücke. Eine Kamera hingegen friert einen einzigen Moment ein – mit einer bestimmten Brennweite, aus einer bestimmten Entfernung, mit einer bestimmten Perspektive, einer festgelegten Belichtungszeit, einer bestimmten Blende und einem begrenzten Dynamikumfang.
Schon die Wahl des Objektivs verändert die Wirkung eines Menschen. Eine kurze Brennweite aus geringer Entfernung kann Nase und Stirn betonen und seitliche Bereiche verzerren. Eine längere Brennweite aus größerer Entfernung lässt Gesichtszüge ruhiger und Proportionen oft harmonischer erscheinen. Welche dieser Darstellungen wäre nun die „echte“?
Gerade deshalb ist Bildbearbeitung für mich nicht bloß Korrektur, sondern ein integraler Teil des kreativen Prozesses. Insbesondere in meiner künstlerischen Fotografie entsteht das eigentliche Werk oft erst in der Ausarbeitung. Gerade im Schwarzweiß ist das besonders ausgeprägt. Dort geschieht nichts mit einem einzigen Klick, wie es soziale Medien oder die Preset-Kultur manchmal suggerieren. Tonwerte, Schwarzpunkt, Lichter, Mitteltöne, lokale Kontraste, Dodge & Burn, Kornstruktur, Mikrokontrast und Vignettierung werden präzise gesteuert.
Erst in Photoshop wird jenes innere Bild vollständig herausgearbeitet, das bereits vor dem Shooting in meinem Kopf existierte. Dort forme ich Tonwerte, Lichtführung, Schattenräume, Kontraste und die endgültige Atmosphäre so, dass sie jener Vorstellung entsprechen, die den gesamten Prozess von Anfang an getragen hat. Das bedeutet nicht, dass alles starr geplant wäre. Im Gegenteil. Gerade im Arbeiten mit dem Modell, mit Licht, Haltung und Ausdruck entstehen oft neue Impulse, die das ursprüngliche Bild weiterentwickeln. Aber die Idee, die Grundstimmung und die innere Bildarchitektur sind meist bereits vorhanden. Das Bild wird dort nicht verfälscht, sondern in seine eigentliche Sprache überführt.
Gleichzeitig ist mir ein kritischer Punkt besonders wichtig. Es gibt eine Form der Bildbearbeitung, die ich sehr problematisch sehe: die Erzeugung eines unerreichbaren Schönheitsideals. Wenn Augen künstlich vergrößert, Brüste modelliert, Hals und Beine verlängert, der Bauch verkleinert, die Haut porenlos geglättet und das Haar ins Unwirkliche verdichtet werden, entsteht irgendwann keine Frau mehr, sondern eine Comicfigur.
Meine Ablehnung richtet sich dabei nicht nur gegen die ästhetische Verfremdung an sich, sondern vor allem gegen die Wirkung solcher Bilder. Besonders junge Mädchen eifern dann einem Ideal nach, das schlicht nicht erreichbar ist. Sie können hungern, trainieren oder sich quälen – und dennoch niemals dieses künstlich erzeugte Schönheitsbild erreichen, weil es in der Realität gar nicht existiert.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die vielfach publizierte Darstellung, wie eine Barbie als echte Frau aussehen würde. Die anatomische Übertragung ihrer Proportionen zeigt auf beinahe erschreckende Weise, wie unrealistisch dieses Schönheitsideal ist. Ich lade die werte Leserin und den geschätzten Leser ausdrücklich ein, nach „Nickolay Lamm – Normal Barbie“ oder „Lammily“ zu suchen. Gerade diese Gegenüberstellung macht sichtbar, wie weit manche medialen Schönheitsideale von einem realen Körper entfernt sind.
Das halte ich für eine reale Gefahr.
Es gibt unzählige Möglichkeiten, einen Menschen fotografisch schön erscheinen zu lassen, ohne ihn zu verfremden. Allein durch Lichtsetzung, Perspektive und Posing kann man die Wirkung eines Körpers enorm verändern. Eine Drehung des Körpers, ein leicht erhobenes Kinn, eine veränderte Schulterlinie, ein härteres Seitenlicht oder ein kontrollierter Schatten können den Eindruck von mehreren Kilogramm verändern – ganz ohne digitale Manipulation.
Natürlich gehört für mich auch Retusche dazu. Ich entferne vorübergehende Hautunreinheiten, gleiche störende Tonwertunterschiede aus, forme Licht und Schatten und korrigiere technische Ablenkungen. Aber die Frau, das Modell oder die Auftraggeberin muss sich im Bild noch erkennen. Gerade hier liegt für mich die Verantwortung.
Die entscheidende Frage lautet daher für mich nicht: „Wurde dieses Bild bearbeitet?“ Denn nahezu jedes fotografische Bild wurde auf irgendeine Weise interpretiert – durch das Objektiv, den Sensor, den Film, die Kamerasoftware, die Entwicklung oder die Bildbearbeitung.
Die wichtigere Frage lautet: „Was wurde bearbeitet – und mit welchem Ziel?“ Dient die Bearbeitung dazu, eine fotografische Idee sichtbar zu machen, eine Stimmung herauszuarbeiten, technisch bedingte Verzerrungen zu korrigieren oder einen Menschen so zu zeigen, wie er wahrgenommen werden kann? Oder ersetzt sie einen realen Menschen durch ein künstliches Ideal, dem kein wirklicher Körper entsprechen kann?
Darin liegt für mich die Grenze. Und darin liegt auch die eigentliche Kunst: nicht den Menschen zu ersetzen, sondern ihn im besten Licht sichtbar zu machen.
