De Lupo Domito

De Lupo Domito

Die Legende vom Wolf von Gubbio gehört zu den bekanntesten Erzählungen über Franz von Assisi. Seit Jahrhunderten wird sie als Geschichte der Versöhnung erzählt. Ein Wolf bedroht die Bewohner der Stadt, reißt Vieh und Menschen. Franziskus begegnet ihm, spricht mit ihm und schließt Frieden. Der Wolf verzichtet auf seine Angriffe, die Bewohner versorgen ihn mit Nahrung. Die Ordnung ist wiederhergestellt. Die Gewalt ist überwunden. Die Gemeinschaft hat gesiegt.

So wird die Geschichte gewöhnlich erzählt.

Diese Serie entstand aus dem Versuch, dieselbe Geschichte aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nicht aus der Sicht des Heiligen. Nicht aus der Sicht der Bewohner von Gubbio. Sondern aus der Sicht des Wolfs.

Denn je länger ich über die Legende nachdachte, desto mehr begann mich eine Frage zu beschäftigen, die erstaunlich selten gestellt wird. Was bedeutet diese Geschichte eigentlich für den Wolf? Was geschieht mit einem Wesen, das plötzlich aufgefordert wird, etwas anderes zu sein, als es bislang war?

Der Wolf wird in der Erzählung meist als Problem behandelt, das gelöst werden muss. Als Bedrohung. Als Gefahr. Als Störung der Ordnung. Doch der Wolf tut letztlich nichts anderes, als ein Wolf zu sein. Er jagt. Er tötet. Er frisst. Man kann das grausam finden, aber man kann schwer behaupten, dass er damit gegen seine Natur handelt. Im Gegenteil. Er erfüllt genau jene Rolle, die ihm die Natur – oder, wenn man die mittelalterliche Sichtweise ernst nimmt, Gott selbst – zugedacht hat.

Gerade darin liegt für mich die eigentliche Spannung dieser Geschichte. Franziskus gilt als einer der großen Liebenden der Schöpfung. Er spricht mit Vögeln, preist Sonne und Mond und erkennt in der Natur den Ausdruck göttlicher Ordnung. Warum aber gilt diese Ordnung ausgerechnet beim Wolf plötzlich nicht mehr? Warum wird aus einer gottgegebenen Natur ein Problem, sobald sie mit menschlichen Interessen kollidiert?

An diesem Punkt verlässt die Legende das mittelalterliche Umbrien und wird zu einer Frage, die uns alle betrifft. Der Philosoph David Hume unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. Der Wolf ist zunächst einfach Wolf. Das ist eine Beschreibung, kein moralisches Urteil. Erst der Mensch beginnt zu bewerten. Erst der Mensch erklärt bestimmte Eigenschaften für erwünscht und andere für problematisch.

Thomas Hobbes würde dem allerdings nicht widerspruchslos zustimmen. Für ihn kann Gemeinschaft nur funktionieren, wenn Individuen bereit sind, einen Teil ihrer Freiheit aufzugeben. Ohne Regeln und Grenzen droht das berühmte bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle. Die Bewohner von Gubbio hatten vermutlich wenig Interesse daran, sich von philosophischen Argumenten auffressen zu lassen. Hobbes hat also einen Punkt. Gemeinschaft braucht Regeln. Gemeinschaft braucht Anpassung.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Frage. Wie viel Anpassung ist notwendig, damit Gemeinschaft funktioniert? Und ab welchem Punkt verwandelt sich notwendige Anpassung in die Verleugnung des eigenen Wesens?

Wir alle kennen diesen Konflikt. Schon früh lernen wir, welche Seiten unserer Persönlichkeit erwünscht sind und welche nicht. Wir lernen, wann wir laut sein dürfen und wann wir schweigen sollen. Welche Wünsche akzeptiert werden und welche besser verborgen bleiben. Welche Eigenschaften als Tugenden gelten und welche als Makel. Mit der Zeit werden viele dieser Erwartungen so selbstverständlich, dass kaum noch jemand fragt, woher sie eigentlich kommen.

Eine oft erzählte Parabel beschreibt eine Gruppe von Affen, die in einem Gehege leben. Über einer Pyramide hängen Bananen. Immer wenn ein Affe versucht, die Bananen zu erreichen, wird die gesamte Gruppe mit eiskaltem Wasser bespritzt. Nach einiger Zeit lernen die Tiere, den Aufstieg zu vermeiden. Der Zusammenhang ist klar: Wer nach den Bananen greift, sorgt dafür, dass alle leiden.

Dann wird einer der Affen ausgetauscht. Der Neuankömmling kennt die kalte Dusche nicht. Natürlich versucht er sofort, die Bananen zu erreichen. Noch bevor er weit kommt, wird er von den anderen Affen daran gehindert. Nicht aus Bosheit, sondern weil sie gelernt haben, dass dieses Verhalten unangenehme Folgen hat.

Nach und nach werden alle ursprünglichen Affen ersetzt. Am Ende befindet sich kein einziges Tier mehr im Gehege, das die kalte Dusche jemals erlebt hat. Dennoch wird jeder Neuankömmling angegriffen, sobald er versucht, die Pyramide zu erklimmen. Die Gemeinschaft übernimmt die Aufgabe der Bestrafung. Die Regel bleibt bestehen, obwohl niemand mehr ihren Ursprung kennt. Keiner der Affen weiß, warum die Bananen tabu sind. Aber alle wissen, dass man denjenigen aufhalten muss, der versucht, sie zu erreichen.

Ob sich diese Geschichte tatsächlich genau so zugetragen hat, spielt dabei kaum eine Rolle. Als Parabel beschreibt sie ein Phänomen, das Menschen nur allzu gut kennen. Regeln entstehen häufig aus nachvollziehbaren Gründen. Doch Regeln besitzen eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie überleben oft den Grund ihrer Entstehung. Aus einer notwendigen Maßnahme wird eine Gewohnheit. Aus einer Gewohnheit wird eine Tradition. Aus einer Tradition wird eine Selbstverständlichkeit. Irgendwann wird nicht mehr gefragt, warum eine Regel existiert. Sie wird einfach verteidigt.

Vielleicht geschieht genau das häufiger, als uns lieb ist. Nicht jede Forderung, die an uns gestellt wird, dient tatsächlich dem Schutz der Gemeinschaft. Manche Erwartungen existieren nur deshalb weiter, weil sie schon immer existiert haben. Manche Normen werden verteidigt, obwohl niemand mehr erklären kann, warum. Die kalte Dusche ist längst verschwunden. Die Wächter der Regel sind geblieben.

Aus dieser Überlegung entstand schließlich die Serie De Lupo Domito. Die Bilder erzählen deshalb nicht die Geschichte des heiligen Franziskus. Sie erzählen die Geschichte des Wolfs. Sie zeigen Wahrnehmung, Bewertung, Widerstand und Rückzug. Sie zeigen den Weg eines Wesens, das zunehmend mit Erwartungen konfrontiert wird. Der wiederkehrende Kreis aus Licht wurde dabei zum Symbol jener Kräfte, die jeder Mensch kennt: gesellschaftliche Erwartungen, religiöse Vorstellungen, moralische Forderungen, Traditionen und Normen. Manchmal erscheinen sie als Schutzraum. Manchmal als Orientierung. Manchmal als Käfig.

Die Serie gibt bewusst keine Antwort. Sie ist weder Anklage gegen Franziskus noch Verteidigung des Wolfs. Sie versucht lediglich, den Blickwinkel zu verschieben und eine Frage sichtbar zu machen, die weit über diese Legende hinausreicht.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung des Menschseins nicht darin, zwischen Freiheit und Anpassung zu wählen. Vielleicht besteht sie darin, immer wieder neu zu erkennen, welche Anpassungen notwendig sind und welche lediglich deshalb weiterleben, weil niemand mehr den Mut hat, nach ihrem Ursprung zu fragen.

Oder, um es etwas kürzer und mit dem nötigen Maß an Sarkasmus zu formulieren:

„Sei du selbst. Außer es sind andere in der Nähe. Dann sei ein Anderer.“

Agnitus

Der Titel bedeutet „erkannt“ oder „wahrgenommen“. Es ist der Moment, in dem ein Wesen erstmals in den Blick gerät. Noch ist nichts entschieden. Noch gibt es kein Urteil, keine Forderung und keine Konsequenz. Dennoch hat sich bereits etwas verändert. Wer gesehen wird, tritt aus der Anonymität heraus und wird Teil einer Beziehung.

Der Kreis aus Licht kann dabei auf unterschiedliche Weise verstanden werden. Vielleicht ist er Schutzraum. Vielleicht Heiligenschein. Vielleicht Käfig. Vielleicht lediglich das Symbol dafür, dass Aufmerksamkeit immer auch eine Grenze zieht. Die Figur befindet sich innerhalb dieses Kreises, doch es bleibt offen, ob sie sich dort freiwillig aufhält oder bereits von etwas umschlossen wird.

Das Bild markiert den Beginn der Geschichte. Nicht den Moment der Veränderung, sondern den Augenblick davor. Den letzten Augenblick, in dem noch alles möglich scheint.

Iudicium

Der Titel bedeutet „Urteil“. Nachdem ein Wesen wahrgenommen wurde, beginnt die Bewertung. Aus dem bloßen Sehen wird ein Einordnen. Aus einer Beobachtung wird eine Zuschreibung.

Das Bild lässt offen, von wem dieses Urteil ausgeht. Vielleicht wird die Figur von außen betrachtet und bewertet. Vielleicht blickt sie selbst auf sich. Vielleicht ist der Kreis eine Grenze, die von anderen gezogen wurde. Vielleicht ist er eine Grenze, die längst verinnerlicht wurde.

Der teilweise verdeckte Blick spielt dabei eine zentrale Rolle. Er kann als Widerstand gelesen werden, als Verletzlichkeit, als Misstrauen oder als stilles Beobachten. Die Figur erscheint zugleich sichtbar und verborgen. Sie zeigt sich und entzieht sich im selben Augenblick.

Wie jedes Urteil sagt auch dieses Bild möglicherweise mehr über den Betrachter aus als über die Betrachtete.

Resistens

Der Titel bedeutet „widerstehend“. Es ist das Bild, das am unmittelbarsten von Konflikt erzählt. Die erhobene Hand kann als Abwehr verstanden werden, als Versuch, eine unsichtbare Grenze zurückzudrängen. Ebenso könnte sie jedoch eine tastende Bewegung sein, ein Zögern oder der Versuch, etwas zu begreifen, das sich nicht greifen lässt.

Die Figur befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Annäherung und Ablehnung. Sie scheint mit etwas konfrontiert zu sein, das außerhalb des Bildes liegt. Ob es sich dabei um eine äußere Macht handelt oder um einen inneren Konflikt, bleibt bewusst offen.

Der Kreis verliert hier an Bedeutung und wird beinahe zur Kulisse. Vielleicht deshalb, weil sich der eigentliche Kampf nicht mehr außerhalb der Figur abspielt, sondern in ihr selbst. Das Bild stellt keine Entscheidung dar. Es zeigt den Augenblick, in dem die Entscheidung noch nicht gefallen ist.

Domitus

Der Titel bedeutet „gezähmt“. Doch das Bild beantwortet nicht die Frage, ob diese Zähmung gelungen ist oder ob sie überhaupt stattgefunden hat.

Die sitzende Figur wirkt auf den ersten Blick ruhig. Man kann darin Akzeptanz sehen. Man kann Erschöpfung sehen. Man kann Rückzug sehen. Ebenso könnte das Bild einen inneren Raum zeigen, in den sich die Figur zurückgezogen hat, um etwas zu bewahren, das von außen nicht erreicht werden kann.

Der Lichtschein hinter dem Körper spielt dabei eine doppelte Rolle. Er kann Erinnerung sein. Herkunft. Freiheit. Hoffnung. Vielleicht ist er aber auch nur die Spur eines früheren Zustands, der nicht mehr vollständig erreichbar ist.

Das Bild bildet den Abschluss der Serie, ohne einen Schlussstrich zu ziehen. Es beantwortet nicht die Frage, ob der Wolf seinen Frieden gefunden hat oder ob er lediglich gelernt hat, mit dem Käfig zu leben. Gerade deshalb bleibt die Geschichte offen.

Vielleicht endet sie hier.

Vielleicht beginnt sie hier erst.

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