Über politische Sprache, verschobene Grenzen und die Herstellung von Feindbildern
Es gibt Ausschreibungen, deren Thema man interessant findet, und es gibt solche, bei denen man das unangenehme Gefühl bekommt, dass das Thema längst vor der eigenen Haustür steht. Der Berlendis Venice Art Prize 2027, ausgeschrieben von Marignana Arte und Kosmos Contemporary Venice APS, gehört für mich zur zweiten Kategorie. Seine zweite Ausgabe steht unter dem Titel Have we crossed the threshold? A journey beyond borders, identities and languages – „Haben wir die Schwelle überschritten? Eine Reise jenseits von Grenzen, Identitäten und Sprachen“. Die internationale Ausschreibung lädt dazu ein, das Überschreiten von Grenzen als körperlichen, kulturellen, politischen, inneren und symbolischen Vorgang zu untersuchen.
Mit meiner Fotografie ADVERSARIUS / HOSTIS bewerbe ich mich in der Sektion Contemporary um die Aufnahme in die Ausstellung der zwanzig Finalisten, die vom 20. Februar bis 21. März 2027 im Spazio Berlendis in Venedig gezeigt wird. Angesprochen hat mich die Ausschreibung nicht allein wegen der gegenwärtigen Kriege, der Fluchtbewegungen oder der wieder zunehmend bewachten Grenzen Europas. Ausschlaggebend war vielmehr meine Sorge über die politische Richtung, in die sich Europa bewegt – und dabei besonders Deutschland und Österreich. Denn bevor Grenzen sichtbar mit Zäunen, Kontrollen und Uniformen befestigt werden, entstehen und verschieben sie sich häufig an einer anderen Stelle: in unserer Sprache.
Werter Leser, geschätzte Leserin, politische Auseinandersetzung war nie eine Veranstaltung für empfindliche Gemüter. Demokratie lebt vom Streit, von gegensätzlichen Interessen und von Gegnern, die einander widersprechen. Ein politischer Gegner ist jedoch noch kein Feind. Er steht auf der anderen Seite einer Debatte, aber innerhalb derselben politischen Ordnung. Man kann ihn für verblendet, inkompetent oder sogar gefährlich halten und trotzdem anerkennen, dass er als Bürger, als Mensch und als politischer Akteur zu derselben Gesellschaft gehört.
Genau hier setzt mein Bild an. Auf dem Körper des Modells stehen zwei lateinische Begriffe: ADVERSARIUS und HOSTIS. Adversarius bezeichnet den Gegenüberstehenden, den Kontrahenten, den Gegner. Hostis wurde im römischen Sprachgebrauch zum Begriff für den öffentlichen Feind – für jemanden, der nicht mehr bloß widerspricht, sondern außerhalb der gemeinsamen Ordnung verortet wird. Zwischen diesen beiden Wörtern liegt sprachlich nur eine kurze Strecke. Politisch kann sich darin jedoch eine Katastrophe ereignen.
Auch das Latein ist kein dekorativer Rückgriff auf eine vermeintlich erhabenere Vergangenheit. Es schafft Abstand zur tagespolitischen Parole und legt dadurch den Mechanismus hinter ihr frei. Die Begriffe erscheinen älter als der gegenwärtige Streit, weil auch der Vorgang selbst alt ist: Menschen werden benannt, eingeordnet und schließlich aus einer Gemeinschaft hinausdefiniert. Was sich verändert, sind die jeweils verwendeten Gruppenbezeichnungen. Die Methode besitzt eine bemerkenswerte historische Ausdauer.

Die beiden Wörter wurden bewusst in unterschiedlichen historischen Schriften auf den Körper geschrieben. ADVERSARIUS erscheint in einer Capitalis Rustica, einer Schrift der römischen Antike. Im Unterschied zur feierlich gemeißelten Capitalis Monumentalis wirkt sie beweglicher und menschlicher, bleibt jedoch klar gegliedert, diszipliniert und vergleichsweise gut lesbar. Für mich entspricht das dem politischen Gegner: Er steht mir gegenüber, vielleicht hart und unversöhnlich, aber noch innerhalb einer gemeinsamen Ordnung. Deshalb verläuft das Wort waagrecht über den Brustkorb und bleibt weitgehend im Licht. Es ist eine Bezeichnung, die den Menschen noch nicht vollständig verschluckt.
HOSTIS erscheint dagegen in einer Bastarda. Diese spätmittelalterliche Schrift verbindet gebrochene, formale Buchstaben mit beweglicheren, teilweise unruhigen kursiven Formen. Bereits ihr historischer Name verweist auf ihren Charakter als Mischschrift, die sich keiner reinen Gattung eindeutig unterordnet. Ihre kantigen Brechungen, Verdichtungen und abrupten Bewegungen lassen sie im Bild härter und instabiler erscheinen. Das Wort läuft senkrecht über den Körper nach unten und wird teilweise vom Schatten verschluckt. Es wirkt weniger wie eine sachliche Benennung als wie eine Markierung – beinahe wie ein Urteil, das dem Menschen auf den Leib geschrieben wurde.
Die Gegenüberstellung der beiden Schriften soll keine chronologische Entwicklung von der Antike zum Mittelalter erzählen. Sie macht vielmehr zwei unterschiedliche Zustände sichtbar. Die Capitalis Rustica gibt dem adversarius noch Form, Ordnung und Lesbarkeit. Die Bastarda lässt den hostis gebrochener und bedrohlicher erscheinen. Der Wechsel des Begriffes verändert daher nicht nur, was gesagt wird, sondern auch die Gestalt des Gesagten. Sprache besitzt schließlich nicht bloß eine Bedeutung. Sie hat einen Ton, einen Rhythmus und ein Gesicht – und mitunter zeigt dieses Gesicht bereits, was man mit dem so bezeichneten Menschen zu tun gedenkt.
Der unbekleidete Körper trägt keine Uniform und keine erkennbare gesellschaftliche Zugehörigkeit. Er kann keiner Nation, keiner Partei und keiner sozialen Gruppe eindeutig zugeordnet werden. Die Nacktheit dient dabei nicht der Erotik, sondern der Reduktion. Kleidung würde Alter, Zeit, Status, Herkunft und gesellschaftliche Rolle festlegen. Der Körper bleibt als gemeinsamer menschlicher Nenner und zugleich als Projektionsfläche zurück. Auf ihm erscheinen die Begriffe, mit denen politische Identität hergestellt und zerstört werden kann. Der Mensch ist noch sichtbar, aber die Benennung beginnt bereits, sich über ihn zu legen.
Eine scharf gezogene Lichtgrenze teilt den Körper. Ein Teil bleibt sichtbar, ein anderer verschwindet beinahe vollständig im Schwarz. Diese Grenze ist keine geografische Linie. Sie markiert den Punkt, an dem die Wahrnehmung kippt: vom Gegenüber zum Fremden, vom Fremden zur Bedrohung und von der Bedrohung zum Feind. Zugleich steht sie für die bewegliche Grenze des gesellschaftlich Akzeptierten. Das Licht endet nicht zufällig. Es zeigt jenen immer schmaler werdenden Bereich, in dem der andere noch als Individuum erkannt wird, bevor er in einem politisch erzeugten Begriff verschwindet.
Hinter der Figur wächst ein übergroßer Schatten. Er ist real während der Aufnahme entstanden und nicht nachträglich als digitale Gestalt eingefügt worden. Der Körper selbst ist nicht monströs, seine Haltung nicht aggressiv. Bedrohlich erscheint erst seine Projektion. Darin liegt ein wesentlicher Teil der Bildaussage: Feindbilder müssen dem wirklichen Menschen nicht ähnlich sehen. Es genügt, wenn eine Gesellschaft bereit ist, ihre Ängste groß genug an die Wand zu werfen. Der Schatten zeigt weniger die dargestellte Person als das, was andere aus ihr machen.
Diese Verwandlung lässt sich gegenwärtig nahezu täglich in der politischen Sprache beobachten. Aus Menschen auf der Flucht werden „Invasoren“. Aus politischen Gegnern werden „Volksverräter“. Parteien, die nicht der eigenen Weltanschauung entsprechen, heißen „Systemparteien“, während Menschen mit linken Ansichten als „Zecken“ bezeichnet werden. Man könnte das als die übliche Überhitzung politischer Rede abtun. Schließlich wird man ja noch etwas sagen dürfen – jener bemerkenswert vielseitige Satz, mit dem häufig nicht das eigene Rederecht verteidigt, sondern die Verantwortung für das Gesagte vorsorglich entsorgt wird.
Doch solche Begriffe beschreiben die Wirklichkeit nicht nur. Sie verändern sie. Ein Flüchtling ist ein Mensch mit einer Geschichte, einer Herkunft, einer Angst und vielleicht einer Hoffnung. Ein „Invasor“ dagegen gehört zu einer angreifenden Masse. Mit einem Flüchtling kann man Mitgefühl haben, über Aufnahmebedingungen streiten oder politische Lösungen suchen. Gegen einen Invasor muss man sich verteidigen. Ebenso ist ein politischer Gegner jemand, dessen Argumenten man widerspricht. Ein „Volksverräter“ hingegen hat sich angeblich gegen die Gemeinschaft gestellt. Sprache erledigt hier die moralische Vorarbeit: Sie verwandelt Menschen in Kategorien, Kategorien in Bedrohungen und Bedrohungen schließlich in Feinde.
Besonders deutlich wird dieser Mechanismus im Begriff der „linken Zecke“. Er ist nicht bloß eine grobe Beschimpfung wie „Dummkopf“ oder „Lügner“. Eine Zecke ist ein Parasit. Sie hängt sich an einen Körper, saugt Blut und überträgt Krankheiten. Wer einen Menschen als Zecke bezeichnet, spricht ihm nicht nur politische Vernunft oder moralische Integrität ab, sondern verschiebt ihn aus der menschlichen Gemeinschaft in die Welt des Ungeziefers. Mit einer Zecke muss man nicht diskutieren. Man muss ihre Argumente nicht prüfen und ihr keine Rechte zugestehen. Ungeziefer wird nicht überzeugt, sondern entfernt, vergiftet oder zerdrückt. Die Metapher liefert die gewünschte Handlungsempfehlung praktischerweise gleich mit.
Darin liegt auch die politische Verführung solcher Begriffe. Solange mir ein Gegner als Mensch gegenübersteht, muss ich mich mit ihm auseinandersetzen. Ich muss erklären, weshalb er irrt, und damit rechnen, dass er mir antwortet. Sobald ich ihn jedoch zum Parasiten erklärt habe, erübrigt sich diese lästige demokratische Arbeit. Eine Zecke besitzt keine Argumente, sondern einen Wirt. Sie vertritt keine Interessen, sondern schädigt einen Körper. Wer Menschen sprachlich in Ungeziefer verwandelt, erspart sich daher nicht nur die Auseinandersetzung mit ihren Ansichten. Er erleichtert sich auch das Gewissen gegenüber allem, was man ihnen anschließend antun oder absprechen möchte.
Besonders bitter wird es, wenn sich ein Politiker bei solchen Äußerungen auf seine parlamentarische Immunität verlassen kann. Diese Immunität hat in einer Demokratie einen notwendigen Zweck: Sie soll das freie Mandat vor politisch motivierter Verfolgung schützen. Sie ist jedoch weder ein moralischer Persilschein noch eine amtliche Bestätigung dafür, dass jede unter ihrem Schutz ausgesprochene Entmenschlichung harmlos wäre. Ein Satz kann rechtlich geschützt und dennoch demokratisch verheerend sein. Das Recht schützt die politische Funktion; es übernimmt nicht auch noch die Reinigung der verwendeten Sprache. Dafür wäre selbst der österreichische Verwaltungsapparat vermutlich personell unterbesetzt.
Dabei verschiebt sich nicht nur die Bedeutung einzelner Wörter. Es verschiebt sich die Grenze dessen, was öffentlich gesagt werden kann, ohne ernsthafte politische Folgen auszulösen. Begriffe und Aussagen, die vor zwanzig Jahren zumindest eine heftige Rücktrittsdebatte ausgelöst hätten, werden heute wiederholt, verteidigt und schließlich als gewöhnlicher Bestandteil des politischen Meinungsspektrums behandelt. Der erste Tabubruch erzeugt Empörung, der zweite eine Talkshow, der dritte einen Wahlkampfslogan. Danach erklärt man, die Gesellschaft habe sich eben verändert, als hätte es über Nacht geregnet.
Das Unsagbare wird nicht von einem Tag auf den anderen salonfähig. Es wird zunächst erprobt. Ein Begriff wird ausgesprochen, die Reaktion beobachtet, seine Bedeutung relativiert und die Kritik daran als übertriebene Empfindlichkeit dargestellt. Kurz darauf fällt dasselbe Wort erneut, diesmal bereits mit dem Hinweis, man lasse sich den Mund nicht verbieten. Bei der nächsten Wiederholung gehört es scheinbar schon zur normalen politischen Sprache. Die Grenze wurde nicht offiziell aufgehoben. Sie wurde Zentimeter für Zentimeter verschoben, bis kaum noch jemand weiß, wo sie ursprünglich verlief.
Diese Gewöhnung ist gefährlicher als der einzelne Skandal. Der Skandal macht wenigstens noch sichtbar, dass eine Grenze überschritten wurde. Die Gewöhnung lässt die Grenze verschwinden. Was gestern unanständig war, gilt heute als „mutig“. Was heute als Provokation verteidigt wird, kann morgen politisches Programm sein. Und während noch darüber gestritten wird, ob man ein bestimmtes Wort verwenden darf, hat dieses Wort möglicherweise längst verändert, wie über die damit bezeichneten Menschen gedacht wird.
Deutschland und Österreich verfügen über ausreichend historische Erfahrung, um diesen Mechanismus zu kennen. Man sollte daher meinen, eine gewisse Vorsicht im Umgang mit entmenschlichender Sprache gehöre hier zur politischen Grundausstattung. Aber Geschichte ist offenbar ein Fach, dessen Prüfungsstoff nach erfolgreicher Absolvierung erstaunlich rasch wieder vergessen werden darf. Das bedeutet nicht, die Gegenwart gedankenlos mit den 1930er-Jahren gleichzusetzen. Solche Gleichsetzungen erklären meist weniger, als sie behaupten. Man muss historische Situationen jedoch nicht für identisch halten, um wiederkehrende Mechanismen zu erkennen.
Die Bezeichnung gesellschaftlicher Gruppen als Parasiten, Schädlinge oder Ungeziefer gehört zum alten sprachlichen Werkzeugkasten autoritärer und totalitärer Bewegungen. Die Geschichte zeigt, wozu diese Metaphern dienen: Sie senken die moralische Hemmschwelle, weil gegenüber Ungeziefer keine Verantwortung, kein Mitgefühl und keine Rücksicht erforderlich erscheinen. Menschen, die sprachlich nicht mehr als Menschen vorkommen, können leichter aus Rechten, Schutz und gesellschaftlicher Zugehörigkeit hinausgedrängt werden. Geschichte wiederholt sich nicht wortgetreu. Manche ihrer Begriffe werden allerdings mit einer Sorgfalt aufbewahrt, um die jedes Museum sie beneiden könnte.
Kein einzelnes Wort zerstört eine demokratische Gesellschaft, und nicht jede sprachliche Entgleisung führt zwangsläufig zu Gewalt. Aber wenn Verachtung ständig wiederholt wird, verliert sie ihren Ausnahmecharakter. Zunächst verändert sich der Ton, dann die Wahrnehmung und schließlich der politische Handlungsspielraum. Was man über bestimmte Menschen sagen darf, beeinflusst auch, was man ihnen antun oder zumuten zu dürfen glaubt.
Die Freiheit, etwas sagen zu dürfen, bedeutet nicht, dass das Gesagte folgenlos bleibt. Sie entbindet uns auch nicht davon, über die Wirkung unserer Begriffe nachzudenken. Eine demokratische Gesellschaft muss scharfen Widerspruch aushalten. Sie kann jedoch nicht unbegrenzt davon zehren, dass ihre Mitglieder einander als legitime Gegner anerkennen, während ihre politische Sprache sie gleichzeitig zu Feinden erklärt. Irgendwann wird aus rhetorischer Feindschaft gesellschaftliche Wirklichkeit. Dann spricht man nicht mehr miteinander, sondern nur noch über „die anderen“ – selbstverständlich stets im Besitz jener Wahrheit, die praktischerweise keine Gegenrede benötigt.
ADVERSARIUS / HOSTIS will keine einzelne Partei illustrieren und keine fertige politische Antwort anbieten. Das Bild hält vielmehr den Moment fest, in dem eine Grenze überschritten und zugleich verschoben wird. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wer zum Feind erklärt wird. Sie lautet auch: Wer besitzt die Macht, diese Erklärung durchzusetzen? Wer entscheidet, welche Menschen noch als Teil des gemeinsamen politischen Raumes gelten? Und wie oft muss ein abwertender Begriff wiederholt werden, bis wir vergessen, dass er vor nicht allzu langer Zeit noch als inakzeptabel gegolten hätte?
Vielleicht beginnt die Verteidigung einer offenen Gesellschaft nicht erst an ihren Staatsgrenzen. Vielleicht beginnt sie viel früher – bei der Weigerung, den politischen Gegner zum Feind und den Menschen zum Schädling zu machen. Denn eine Gesellschaft, die ihre Konflikte nur noch durch Feindbilder ordnen kann, wird dadurch nicht stärker. Sie wird gespalten, vergiftet und schließlich unfähig, sich selbst noch als Gemeinschaft zu begreifen.
Die Grenze zwischen adversarius und hostis ist unsichtbar. Ebenso unsichtbar verschiebt sich die Grenze des Sagbaren. Gerade deshalb sollten wir genau hinsehen – und genau hinhören.
