Nicht die Statue, sondern der Blick

Reisegedanken aus Treviso

Zwei Touristen blieben vor dem Brunnen stehen, warfen einen kurzen Blick darauf und begannen in jener angenehmen Sicherheit zu sprechen, die Menschen befällt, sobald sie glauben, von ihrer Umgebung nicht verstanden zu werden. Das Wort „Tittenbrunnen“ fiel, gefolgt von einer Bemerkung über dessen vermeintliche Obszönität. Man möchte ihnen fast danken. Kaum etwas legt den Zustand unserer Gegenwart präziser offen als ein beiläufig hingeworfener Satz vor einem Werk, das seit Jahrhunderten unverändert an seinem Ort steht und doch heute völlig anders verstanden wird, komplett andere Assoziationen hervorruft.

Denn der Brunnen hat sich nicht verändert. Verändert hat sich der Blick.

Die Fontana delle Tette (bzw. dessen Kopie) in Treviso ist kein Produkt moderner Provokation, kein kalkulierter Tabubruch und schon gar kein frivoler Scherz aus jüngerer Zeit. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert und war ursprünglich ein Symbol von Fülle, Versorgung und städtischem Wohlstand. Zu besonderen Anlässen floss aus ihr sogar Wein – weiß aus einer Brust, rot aus der anderen – als Zeichen öffentlicher Großzügigkeit und bürgerlicher Gemeinschaft. Was heute manche spontan als obszön empfinden, war ursprünglich ein Bild des Nährens. Nicht Erotik, sondern Fülle. Nicht Voyeurismus, sondern Lebenssymbolik.

Gerade darin liegt der eigentliche Reiz dieses Ortes: Er zeigt nicht nur eine historische Skulptur, sondern legt die Sedimente unserer Wahrnehmung frei. Frühere Gesellschaften waren keineswegs automatisch freier oder „unschuldiger“. Aber sie besaßen oft eine andere Symbolkompetenz. Der Körper war nicht ausschließlich sexualisiert lesbar. Brüste konnten Nahrung, Fruchtbarkeit, Gnade, Wohlstand oder Mütterlichkeit bedeuten. Der öffentliche Raum war reich an Allegorien, an Zeichen und mehrdeutigen Bildern.

Heute scheint diese Lesefähigkeit vielfach durch einen reflexhaften Kurzschluss ersetzt worden zu sein. Wo früher Bedeutung gelesen wurde, wird heute häufig zuerst Reiz gesehen.

Zwischen dem Einschalten des Computers und dem fast schon liturgischen Löschen des Browserverlaufs zwei Stunden später hat der durchschnittliche Mensch vermutlich mehr nackte Körper gesehen als sein Großvater in einem ganzen Leben. Und dennoch genügt bis heute ein klassischer Akt, eine historische Statue oder ein Brunnen wie jener in Treviso, um dieselben Reflexe auszulösen, die man eigentlich längst im digitalen Überangebot aufgelöst geglaubt hätte.

Das ist für mich, auch aus der Perspektive meiner künstlerischen Arbeit, das eigentliche Paradox unserer Gegenwart. Nie war Nacktheit so verfügbar, und zugleich erscheint mir der reale Körper selten so von Unsicherheit, Vergleich und Projektion umstellt wie heute.

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Körperbildern hat nicht automatisch zu größerer Freiheit geführt. Eher im Gegenteil. Der reale Körper ist heute oft stärker von Erwartungen, Vergleich und Unsicherheit umstellt als in vielen früheren Epochen.

Vielleicht erklärt genau das jene merkwürdige neue Prüderie, die sich gerade bei jüngeren Menschen beobachten lässt: Nicht klassische Moral im alten Sinn, sondern ein Gemisch aus Überreizung, Normdruck und der Angst, falsch zu lesen oder gelesen zu werden. Der Brunnen von Treviso wird so fast ungewollt zu einem Spiegel. Er zeigt weniger etwas über sich selbst als über jene, die vor ihm stehen.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mich dieses Thema in meiner eigenen Arbeit immer wieder beschäftigt. Der nackte Körper ist in der Kunst niemals nur Körper. Er ist Form, Lichtträger, Symbol, Projektionsfläche und nicht selten ein Testbild für den Blick des Betrachters.

Ein alter Witz über den Rorschachtest kommt mir dabei unweigerlich in den Sinn: Ein Proband erkennt in jedem Bild eine nackte Frau und verteidigt sich, darauf angesprochen, schließlich mit dem Satz, man solle ihm nicht dauernd solche Schweinereien zeigen.

Genau darin liegt der Kern. Nicht jedes Bild verrät etwas über das Werk. Manche Bilder verraten vor allem etwas über den Blick, der auf sie fällt.

Vielleicht gilt das für Kunst ganz allgemein. Und vielleicht ist genau deshalb ein alter Brunnen in Treviso weit mehr als eine pittoreske Sehenswürdigkeit.

Er ist ein stilles, steinernes Kommentarstück über Wahrnehmung, Moral und die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, in einem Symbol nur noch den eigenen Reflex zu erkennen.

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