Jeder, der mich persönlich kennt, weiß um meine Leidenschaft für Lyrik. Worte begleiten mich seit vielen Jahren – nicht nur als Sprache, sondern als innere Bilder, als Resonanzräume und emotionale Landschaften. Unter den Dichtern, die mich über lange Zeit begleitet haben, nimmt Georg Trakl eine besondere Stellung ein.
Es gibt Texte, die man liest. Und es gibt Texte, die einen durch bestimmte Lebensphasen tragen, weil sie plötzlich Worte für etwas finden, das sich dem direkten Aussprechen entzieht. Gerade in emotional besonders intensiven Momenten war Trakls Lyrikband für mich da – nicht als Trost im einfachen Sinn, sondern als Gegenüber, als Verdichtung von Dunkelheit, Erinnerung, Schönheit und Schmerz.
Georg Trakl (1887–1914), österreichischer Dichter und eine der zentralen Stimmen des literarischen Expressionismus, schrieb in einer Sprache von außergewöhnlicher Dichte. Seine Gedichte sind von Traum, Nacht, Verfall, Körper und innerer Zerrissenheit geprägt. In ihnen verbinden sich Licht und Schatten, Stille und Abgrund, Schönheit und Verstörung.
Aus dieser langjährigen Auseinandersetzung entstand die Serie Corpus Scriptum – der beschriebene Körper.
Die Worte werden dabei nicht bloß illustriert. Aus den Gedichten werden einzelne Begriffe, Verdichtungen und Spannungsfelder herausgelöst und direkt auf die Haut geschrieben. Der Körper wird zum Träger von Erinnerung, Emotion und Bedeutung; Schrift wird zu Spur, Wunde, Gedanke oder Traum.
Ein wesentlicher Teil des Konzepts ist dabei die bewusste Entscheidung für die Kurrentschrift, jene historische deutsche Schreibschrift, die auch in Trakls Zeit selbstverständlich verwendet wurde. Diese Schrift war für mich keine bloße formale oder nostalgische Entscheidung. Sie stellt eine unmittelbare Verbindung zur Zeit des Dichters her und verankert die Arbeiten historisch im sprachlichen und kulturellen Raum, aus dem die Texte stammen.
Zugleich trägt diese Schrift selbst eine Geschichte in sich: Die Kurrentschrift – ebenso wie ihre schulische Form, die Sütterlinschrift – wurde 1941 durch den sogenannten Normalschrifterlass aus dem Unterricht verdrängt und durch die lateinische Normalschrift ersetzt.
Dass diese Schrift heute weitgehend aus dem Alltag verschwunden ist, macht sie für mich umso bedeutungsvoller. Sie erscheint in den Bildern wie eine aus der Geschichte zurückkehrende Spur – ein Echo vergangener Sprache, eingeschrieben in den lebendigen Körper.
Gerade in dieser Spannung zwischen historischem Schriftbild und gegenwärtigem Körper liegt das Zentrum der Serie.
Die einzelnen Werke werden jeweils separat erläutert. In den ausklappbaren Bereichen unter den Bildern finden sich die zugrunde liegenden Gedichte, die ausgewählten Wortfragmente sowie die jeweilige konzeptuelle Herleitung.
Die den einzelnen Arbeiten zugrunde liegenden Gedichte von Georg Trakl sind in zahlreichen digitalen Archiven, Literaturportalen und öffentlichen Bibliotheken frei zugänglich und im Internet leicht auffindbar. Da diese Webseite bewusst den fotografischen Arbeiten den Vorrang gibt, wurde auf die vollständige Wiedergabe der Gedichte an dieser Stelle verzichtet.
Ein begleitender Katalog zur Serie Corpus Scriptum ist in Planung und wird neben den fotografischen Arbeiten auch die vollständigen Gedichte, ausgewählte Brieffragmente sowie vertiefende Werktexte und Hintergrundinformationen enthalten.
Bild I – Corpus Scriptum – Trakl I: An den Knaben Elis
Gedicht / Quelle
Georg Trakl – An den Knaben Elis
Verwendete Worte am Körper
tropft schwarzer Tau
Zum Verständnis
Dieses Werk bezieht sich auf eines der stillsten und zugleich tief bewegenden Gedichte Trakls. Elis erscheint als entrückte, fragile Gestalt zwischen Traum, Unschuld und Vergänglichkeit. Die gewählten Worte verdichten jenes dunkle, melancholische Bild, das sich wie ein Schatten über das Gedicht legt. Der „schwarze Tau“ steht nicht für Natur, sondern für Schwermut, Nacht und das Eindringen des Dunklen in die Welt des Lebendigen.
Bild II – Corpus Scriptum – Trakl II: Blutschuld
Gedicht / Quelle
Georg Trakl – Blutschuld
Verwendete Worte am Körper
Wollust Süße
Schuld
Zum Verständnis
Blutschuld gehört zu den intensivsten und körperlich aufgeladenen Gedichten Trakls. Es kreist um Begehren, innere Zerrissenheit und Schuld. Die Worte wurden bewusst als Gegenpole gewählt: „Wollust Süße“ verweist auf Verführung und Körperlichkeit, während „Schuld“ den inneren Abgrund markiert. Das Bild macht diese Spannung im Körper sichtbar.
Bild III – Corpus Scriptum – Trakl III: Grodek
Gedicht / Quelle
Georg Trakl – Grodek
Verwendete Worte am Körper
zürnender Gott
Schmerz
Zum Verständnis
Grodek entstand unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und zählt zu Trakls letzten und erschütterndsten Gedichten. Es verbindet das individuelle Leiden des Menschen mit einer beinahe apokalyptischen, metaphysischen Dimension. Die gewählten Worte verdichten diese doppelte Ebene von menschlichem Schmerz und kosmischer Dunkelheit.
Bild IV – Corpus Scriptum – Trakl IV: Im Winter
Gedicht / Quelle
Georg Trakl – Im Winter
Verwendete Worte am Körper
einsam, Schweigen
Zum Verständnis
Dieses Werk übersetzt Trakls winterliche Bildsprache in eine Körperlandschaft. Der Rücken wird zur stillen, nächtlichen Topografie. Winter steht hier für Erstarrung, Erinnerung und jene eigentümliche Kälte, die viele seiner Gedichte durchzieht. Die Schrift erscheint wie eine Spur im Schnee.
Bild V – Corpus Scriptum – Trakl V: Brief an Ludwig von Ficker
Gedicht / Quelle
Georg Trakl – Briefwechsel mit Ludwig von Ficker
Verwendete Worte am Körper
jenseits der Welt
Zum Verständnis
Dieses Werk bezieht sich auf den Briefwechsel Georg Trakls mit Ludwig von Ficker, Verleger, Förderer und einer der wichtigsten Vertrauten des Dichters in seinen letzten Lebensjahren. Gerade diese Briefe sind für das Verständnis seines inneren Zustands von besonderer Bedeutung.
Sie geben Einblick in jene seelische Erschütterung, Fremdheit und existentielle Verlorenheit, die auch seine späten Gedichte prägen. Die Worte „jenseits der Welt“ verweisen auf Trakls Gefühl, sich aus dem gewöhnlichen Weltbezug gelöst zu haben – auf eine Wirklichkeit an der Schwelle zwischen Leben, Traum und Transzendenz.
