Über meine Handschrift – mehr als bloße Schrift

Der werten Leserin oder dem geschätzten Leser ist vielleicht bereits in verschiedenen Beiträgen meiner Cogitationes meine Handschrift begegnet. Sei es in den Einträgen in Gästebüchern von Galerien, in Notizen zu Ausstellungen oder direkt innerhalb fotografischer Arbeiten wie Corpus Scriptum I & II oder der Serie Sub Rosa. Schrift taucht bei mir immer wieder auf. Nicht zufällig, nicht bloß als dekoratives Element und auch nicht nur als Mittel, um Information zu transportieren. Sie begleitet mich seit sehr vielen Jahren und ist längst Teil jener inneren Welt geworden, aus der auch meine fotografische Arbeit entsteht.

Dabei möchte ich gleich zu Beginn etwas klarstellen: Ich bin kein Kalligraf. Zumindest keiner im eigentlichen Sinn. Ich besitze weder die technische Virtuosität noch die jahrzehntelange disziplinierte Perfektionierung, die wirkliche Meister der Kalligrafie auszeichnet. Und dennoch beschäftigt mich Schrift vermutlich intensiver als viele Menschen, die wesentlich schöner schreiben als ich. Denn mich interessiert nicht nur die technische Beherrschung einer Schriftform, sondern vor allem ihre Atmosphäre, ihre historische Tiefe und ihre Wirkung auf den Menschen.

Der Ursprung dieser Beschäftigung liegt weit zurück und hatte zunächst überhaupt nichts mit Fotografie zu tun. Ich bin Hobbyhistoriker. Alte Bücher, historische Dokumente, Briefe und Archivmaterialien haben mich seit jeher fasziniert. Wer sich länger mit historischen Quellen beschäftigt, stößt allerdings relativ schnell auf ein Problem: Man kann sie oft schlicht nicht lesen. Nicht, weil die Sprache unverständlich wäre, sondern weil die Schrift selbst verlorengegangen ist. Ganze Jahrhunderte europäischer Schreibkultur werden für den modernen Menschen plötzlich zu einer Art visueller Geheimschrift.

Genau dort begann meine eigentliche Beschäftigung mit historischen Schriften. Anfangs wollte ich sie lediglich entziffern können. Doch wie so oft entsteht aus längerem Betrachten irgendwann der Wunsch, tiefer einzutauchen. Aus dem Lesen wurde langsam das Schreiben. Und aus einer rein historischen Neugier entwickelte sich mit der Zeit eine tiefe Faszination für Schrift als kulturelle Form.

Denn Schrift ist niemals neutral.

Sie transportiert weit mehr als bloßen Inhalt. Sie trägt Zeitgefühl, Haltung, Rhythmus und Kultur in sich. Eine mittelalterliche Kurrent wirkt völlig anders als eine römische Capitalis Rustica. Eine englische Schreibschrift erzählt etwas anderes als eine moderne Computerschrift. Selbst Menschen, die die geschichtlichen Hintergründe nicht kennen, spüren diese Unterschiede meist unmittelbar. Schrift erzeugt Atmosphäre, lange bevor ihr Inhalt bewusst gelesen wird.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sie Menschen so stark auffällt. Ich habe das im Laufe der Jahre immer wieder erlebt. Sobald ich beginne zu schreiben, verändert sich oft die Aufmerksamkeit im Raum. Gespräche verstummen, Blicke wandern zum Papier oder zum Flipchart. Was für mich zunächst nur ein Werkzeug ist, scheint für andere rasch etwas Eigenständiges zu werden.

Eine Situation ist mir dabei besonders deutlich in Erinnerung geblieben. Ich durfte die Eröffnungsrede für die Vernissage eines meiner Modelle halten. Während die Gäste noch miteinander sprachen, begann ich am Flipchart zu schreiben. Ganz ruhig, ohne etwas zu sagen. Der Brushpen glitt über das Papier, Buchstabe für Buchstabe entstand langsam die Schrift, und nach und nach verstummten die Gespräche im Raum. Als ich mich schließlich umdrehte, blickten plötzlich alle nach vorne. Nicht meine Worte hatten die Aufmerksamkeit erzeugt, sondern die sichtbare Entstehung der Schrift selbst.

Etwas Ähnliches erlebe ich bis heute in Restaurants oder Hotels. Wenn mich Küche oder Service wirklich beeindrucken, schreibe ich manchmal ein kleines Lob auf eine Serviette. Jahre später werde ich bei einem erneuten Besuch wiedererkannt, und nicht selten wird genau diese Serviette wieder hervorgeholt. Manchmal leicht zerknittert, manchmal sogar in Folie eingeschweißt oder mit einer Stecknadel an einem Pinnboard befestigt. Das berührt mich jedes Mal aufs Neue. Denn dort wird sichtbar, dass Schrift mehr sein kann als bloße Mitteilung. Sie hinterlässt eine Spur. Sie trägt Erinnerung.

Vielleicht hängt genau das auch mit einer gewissen Sehnsucht unserer Gegenwart zusammen. Wir leben in einer Zeit nahezu vollständig entmaterialisierter Schrift. Texte erscheinen auf Bildschirmen, verschwinden wieder, werden kopiert, verschoben, gelöscht und durch tausend identische Fonts geglättet. Handschrift dagegen besitzt Widerstand. Sie verrät Zeit, Bewegung, Rhythmus und den konkreten Menschen hinter ihr. Sie ist niemals vollkommen neutral.

Genau deshalb begann Schrift irgendwann auch langsam in meine fotografische Arbeit einzuwandern.

Zunächst eher vorsichtig. In den Serien Corpus Scriptum I und Corpus Scriptum II verwendete ich Kurrent. Eine Schrift, die heute auf viele Menschen beinahe gespenstisch wirkt, weil sie gleichzeitig vertraut und unlesbar erscheint. Ihre Linien besitzen etwas Organisches, Fließendes, fast Körperhaftes. Sie wirkt nicht konstruiert, sondern gewachsen. Gerade auf Haut entstand dadurch eine eigentümliche Spannung zwischen Körperlichkeit und Schriftbild.

Mit Sub Rosa erfolgte später ein bewusster Wechsel zur Capitalis Rustica. Und damit veränderte sich plötzlich die gesamte Atmosphäre der Bilder. Die Schrift wurde härter, monumentaler, archaischer. Sie wirkte nicht mehr wie persönliche Handschrift, sondern beinahe wie eine Inschrift. Fast wie etwas, das in Stein gehauen gehört und nur vorübergehend auf Haut erscheint.

Gerade dieser Gegensatz interessierte mich besonders. Die Vergänglichkeit des Körpers trifft auf eine Schriftform, die seit beinahe zweitausend Jahren existiert. Etwas Flüchtiges trägt plötzlich etwas Dauerhaftes. Die Haut wird zum temporären Träger einer kulturellen Form, die Jahrhunderte überdauert hat.

Dabei ging es mir nie um Bodypainting oder dekorative Effekte. Die Schrift sollte nicht Ornament sein. Sie sollte Teil der Bildsprache werden. Spur. Einschreibung. Zeichen. Fast etwas Archäologisches.

Und vielleicht liegt genau dort der eigentliche Grund, warum mich historische Schriften bis heute so beschäftigen. Ich halte es für einen merkwürdigen kulturellen Verlust, dass wir auf einen Formenschatz von über zweitausend Jahren Schriftgeschichte zurückblicken können – und gleichzeitig so tun, als bestünde Schrift heute fast nur noch aus standardisierten digitalen Fonts.

In Architektur, Musik oder Malerei erscheint uns der Rückgriff auf historische Formen völlig selbstverständlich. Niemand würde auf die Idee kommen zu behaupten, man dürfe sich nur noch jener Formensprache bedienen, die gerade zeitgenössisch ist. Bei Schrift hingegen geschieht genau das erstaunlich oft. Dabei prägen historische Schriften unsere Wahrnehmung bis heute, selbst wenn wir ihre Namen nicht kennen.

Mich interessiert dabei nicht Nostalgie. Ich möchte keine historische Welt simulieren. Es geht mir vielmehr darum, dass diese Formen weiterhin lebendig bleiben dürfen. Dass sie benutzt werden. Dass sie sichtbar bleiben. Denn kulturelle Formen verschwinden nicht erst dann, wenn sie zerstört werden, sondern oft schon dann, wenn sie einfach niemand mehr verwendet.

Vielleicht verbindet sich dort meine Beschäftigung mit Schrift auch am stärksten mit meiner fotografischen Arbeit. Denn auch fotografisch arbeite ich bewusst mit einer Bildsprache, die oft weit über ein Jahrhundert zurückreicht. Lichtsetzung, Schattenführung und Atmosphäre meiner Arbeiten stehen in einer Tradition, die bei Fotografen wie František Drtikol oder George Hurrell noch deutlich spürbar ist. Die Schrift ist letztlich nur eine Fortsetzung derselben inneren Bewegung mit anderen Mitteln.

Beides widersetzt sich ein wenig der Gegenwart. Nicht aus Ablehnung des Neuen, sondern aus der Überzeugung heraus, dass Tiefe oft dort entsteht, wo Zeit sichtbar bleibt.

Vielleicht ist meine Handschrift deshalb tatsächlich mehr als bloße Schrift.

Vielleicht ist sie eine Form, sichtbar zu denken.

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