Es gibt Dichter, die man bewundert. Und es gibt Dichter, die sich langsam im eigenen Denken einnisten. Max Herrmann-Neiße gehört für mich zur zweiten Kategorie.
Besonders sein Gedicht Der Zauberkünstler hat mich tief bewegt. Es war eines jener Gedichte, die nicht bloß gelesen werden, sondern über Jahre hinweg im Hintergrund weiterarbeiten. Irgendwann begann ich antiquarisch seine Gedichtbände zu sammeln, bis schließlich die gesamte Sammlung bei mir stand. Bücher mit dem Geruch vergangener Jahrzehnte, mit vergilbtem Papier, mit Spuren fremder Hände. Bücher, die man nicht einfach konsumiert, sondern immer wieder zur Hand nimmt.
Kurz zuvor hatte ich einen Zyklus zu Georg Trakl abgeschlossen. Ich zeigte einem Model einige der entstandenen Bilder und erzählte von der Arbeit daran – von den Gedichten, der Dunkelheit, den Gedanken hinter den Bildern. Sie sah die Arbeiten lange an und erklärte schließlich mit leuchtenden Augen: „Das will ich auch.“
So entstand der Zyklus zu Max Herrmann-Neiße.
Und wieder wurde es eine sehr intime Arbeit. Vielleicht sogar intimer als der Trakl-Zyklus. Nicht wegen der Schrift auf dem Körper, sondern weil ich mit diesem Zyklus sehr viel von mir selbst preisgebe. Max Herrmann-Neiße beschreibt große Teile meines eigenen Seelenlebens. Seine Gedichte berühren jene dunkleren, verletzlicheren Räume, die man im Alltag meist gut verborgen hält.
Das Model verstand diese Gedichte sehr genau. Sie stellte sich nicht bloß in Pose, sondern versuchte, die emotionalen Zustände hinter den Texten mit Ausdruck, Haltung und Körpersprache sichtbar zu machen. Dadurch entstand keine bloße fotografische Inszenierung, sondern eine gemeinsame Annäherung an die innere Stimmung dieser Texte.
Die Arbeit im Studio war von einer eigentümlichen Ruhe geprägt. Konzentriert. Still. Die Zusammenarbeit beruhte auf jenem Vertrauen, das sich erst über viele gemeinsame Shootings hinweg aufbauen konnte. Ein Vertrauen, das nicht durch Worte entsteht, sondern dadurch, dass sich die Ernsthaftigkeit der Arbeit und meiner Motive immer wieder bestätigt.
Für die Beschriftung des Körpers musste ich in die intime Distanz des Models eintreten — sie unbekleidet, ich bekleidet, der eigene Körper gleichzeitig Leinwand und Ausdrucksträger. Eine Situation großer Verletzlichkeit, die nur durch gegenseitiges Vertrauen überhaupt möglich wurde. Gerade deshalb empfinde ich für diese Zusammenarbeit große Dankbarkeit.
Die Gedichte von Herrmann-Neiße verlangen keine Illustration. Sie funktionieren nicht über große Gesten oder expressionistische Übertreibung. Ihre Kraft liegt oft gerade in der Zurücknahme. In einem inneren Zittern. In einer Form von existenzieller Müdigkeit, die dennoch niemals banal wird. Das beeinflusste auch die fotografische Sprache der Serie.
Während im Trakl-Zyklus stärker mit Fragmenten, Körperteilen und fast zerfallenden Formen gearbeitet wurde, rückte hier der Körper als Ganzes stärker in den Mittelpunkt. Nicht als klassischer Aktkörper, sondern als Träger psychischer Zustände. Schatten wurden wichtiger als Licht. Sichtbarkeit wichtiger als Darstellung. Manche Figuren scheinen sich bereits halb aufzulösen.
Die Texte wurden erneut in Kurrent auf den Körper geschrieben. Ich arbeite bewusst mit dieser historischen Schriftform, weil sie sich der glatten Lesbarkeit moderner Typografie entzieht. Kurrent war bis 1941 offizielle Schulschrift im deutschsprachigen Raum – also auch die Schrift, mit der Max Herrmann-Neiße selbst schrieb. Ihre gebrochenen Linien, Schwellzüge und eigentümlichen Formen wirken weniger wie gesetzter Text, sondern eher wie Spur oder Erinnerung. Genau das interessierte mich.
Max Herrmann-Neiße selbst war zeitlebens ein Außenseiter. Eine schwere körperliche Deformation prägte nicht nur seine Erscheinung, sondern auch seine Erfahrung von Nähe, Fremdheit und gesellschaftlicher Isolation. Viele zeitgenössische Reaktionen auf ihn waren von Grausamkeit und Spott geprägt. Seine Gedichte tragen diese Erfahrung in sich – nicht als Selbstmitleid, sondern als permanente Spannung zwischen Sehnsucht und Verletzlichkeit.
Gerade seine Liebesgedichte besitzen deshalb eine eigentümliche Intensität. Sie wirken selten triumphierend oder souverän. Sie tasten sich an Nähe heran, oft mit beinahe schmerzhafter Vorsicht. Heimatlosigkeit bedeutet bei ihm nicht nur geografisches Exil, sondern häufig auch ein existenzielles Gefühl des Nicht-Dazugehörens – zum Leben, zur Gesellschaft, manchmal sogar zum eigenen Körper.
Was mich persönlich an seinen Gedichten besonders fasziniert, ist sein beinahe vollkommener Umgang mit Klang und Rhythmus. Vor allem seine Alliterationen besitzen eine außergewöhnliche Präzision. Sie wirken nie dekorativ oder aufgesetzt, sondern entstehen scheinbar selbstverständlich aus der Sprache selbst. Gerade dadurch entwickeln viele seiner Gedichte einen eigentümlichen inneren Sog. Man liest sie nicht bloß über Bedeutung. Man hört sie beinahe körperlich.
Vielleicht liegt gerade darin ein Teil ihrer Wirkung. Herrmann-Neiße schreibt selten laut. Seine Sprache drängt sich nicht auf. Aber unter der Oberfläche arbeitet ein dichtes Netz aus Wiederholungen, Lautbeziehungen und feinen rhythmischen Verschiebungen. Die Gedichte beginnen dadurch langsam im Kopf nachzuklingen – oft lange nachdem man sie gelesen hat. Vielleicht liegt genau darin ihre Größe. Sie versuchen nicht, bedeutend zu wirken. Sie sind es einfach.
Als die Serie abgeschlossen war, sagte das Model einen Satz, der mich unerwartet traf: „Noch nie hat mich ein Mann so schön beschrieben.“
Ich mochte dieses Wortspiel sofort. Denn natürlich war damit nicht nur eine metaphorische Beschreibung gemeint. Ich hatte ihren Körper tatsächlich beschrieben — mit Filzstift, mit Kurrent, mit Schwellzug und mit den Worten eines Dichters, der seit vielen Jahren Teil meines eigenen inneren Kosmos ist.
