Manchmal beginnt eine Bildserie nicht mit einer Kamera. Manchmal beginnt sie mit einem Gedanken, der sich festsetzt und sich weigert, wieder zu verschwinden. So war es bei „De Lupo Domito“.
Die Geschichte vom Wolf von Gubbio begleitet mich schon lange. Franz von Assisi begegnet einem Wolf, der die Umgebung terrorisiert, schließt Frieden mit ihm und integriert ihn in die Gemeinschaft. Die Legende wird gewöhnlich als Sieg des Friedens über die Gewalt erzählt. Franziskus erscheint als Vermittler, der Ordnung schafft und das Wilde befriedet. Eigentlich eine schöne Geschichte.
Und doch ließ sie mich nicht los.
Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger interessierte mich Franziskus. Stattdessen begann ich mich zu fragen, was diese Geschichte eigentlich für den Wolf bedeutet. Der Wolf wird meist als Problem betrachtet, das gelöst werden muss. Als Gefahr. Als Bedrohung. Als Störung der Ordnung. Doch kaum jemand stellt die Frage, wie die Geschichte aus seiner Perspektive aussieht.
Der Wolf jagt. Der Wolf tötet. Der Wolf frisst. Man kann ihm vieles vorwerfen, aber nicht, dass er etwas anderes tut, als ein Wolf zu sein. Genau an diesem Punkt begann die Resonanz.
Denn ich kenne dieses Gefühl.
Nicht, weil ich Menschen fresse oder Schafe reiße. Zumindest soweit ich informiert bin, gibt es diesbezüglich keine Beschwerden. Aber ich kenne das Gefühl, dass bestimmte Teile des eigenen Wesens immer wieder aufgefordert werden, etwas anderes zu sein, als sie sind.
Jeder Mensch kennt das in irgendeiner Form. Man soll authentisch sein, aber bitte nicht zu sehr. Man soll ehrlich sein, aber nicht unbequem. Man soll individuell sein, aber innerhalb akzeptierter Grenzen. Irgendwann formulierte sich dieser Gedanke für mich in einem einzigen Satz:
„Sei du selbst. Außer es sind andere in der Nähe. Dann sei ein Anderer.“
Der Satz war ursprünglich als Sarkasmus gedacht. Wer mich kennt, weiß, dass ich noch nie einen Sarkasmus vorgetäuscht habe. Leider beschreibt dieser Satz einen erstaunlich großen Teil menschlicher Wirklichkeit.
Je länger ich über die Legende nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass sie eine philosophische Spannung enthält, die weit über das mittelalterliche Umbrien hinausreicht. Der schottische Philosoph David Hume unterscheidet zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. Der Wolf ist zunächst einfach Wolf. Erst der Mensch beginnt zu bewerten. Erst der Mensch erklärt bestimmte Eigenschaften für problematisch und andere für wünschenswert.
Thomas Hobbes wiederum erinnert uns daran, dass Gemeinschaft nur funktioniert, wenn Individuen auf einen Teil ihrer Freiheit verzichten. Ohne Regeln droht das berühmte bellum omnium contra omnes, der Krieg aller gegen alle. Die Bewohner von Gubbio hatten vermutlich wenig Interesse daran, sich von philosophischen Argumenten auffressen zu lassen.
Beide Positionen haben recht. Genau deshalb gibt es keine einfache Antwort.
Natürlich braucht Gemeinschaft Regeln. Natürlich braucht sie Grenzen. Natürlich kann niemand ausschließlich nach seinen unmittelbaren Impulsen leben. Die eigentliche Frage lautet jedoch: Wo endet notwendige Anpassung und wo beginnt die Verleugnung des eigenen Wesens?
Noch schwieriger wird die Sache dadurch, dass Regeln eine bemerkenswerte Eigenschaft besitzen. Sie überleben oft den Grund ihrer Entstehung.
Eine oft erzählte Parabel beschreibt eine Gruppe von Affen, die in einem Gehege leben. Über einer Pyramide hängen Bananen. Immer wenn ein Affe versucht, die Bananen zu erreichen, wird die gesamte Gruppe mit eiskaltem Wasser bespritzt. Nach einiger Zeit lernen die Tiere, den Aufstieg zu vermeiden. Der Zusammenhang ist klar: Wer nach den Bananen greift, sorgt dafür, dass alle leiden.
Dann wird einer der Affen ausgetauscht. Der Neuankömmling kennt die kalte Dusche nicht. Natürlich versucht er sofort, die Bananen zu erreichen. Noch bevor er weit kommt, wird er von den anderen Affen daran gehindert. Nicht aus Bosheit, sondern weil sie gelernt haben, dass dieses Verhalten unangenehme Folgen hat.
Nach und nach werden alle ursprünglichen Affen ersetzt. Am Ende befindet sich kein einziges Tier mehr im Gehege, das die kalte Dusche jemals erlebt hat. Dennoch wird jeder Neuankömmling angegriffen, sobald er versucht, die Pyramide zu erklimmen. Die Gemeinschaft übernimmt die Aufgabe der Bestrafung. Die Regel bleibt bestehen, obwohl niemand mehr ihren Ursprung kennt. Keiner der Affen weiß, warum die Bananen tabu sind. Aber alle wissen, dass man denjenigen aufhalten muss, der versucht, sie zu erreichen.
Ob sich die Geschichte jemals genau so zugetragen hat, ist letztlich nebensächlich. Als Parabel beschreibt sie ein Phänomen, das Menschen nur allzu gut kennen. Regeln entstehen häufig aus nachvollziehbaren Gründen. Doch Regeln besitzen eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie überleben oft den Grund ihrer Entstehung. Aus einer notwendigen Maßnahme wird eine Gewohnheit. Aus einer Gewohnheit wird eine Tradition. Aus einer Tradition wird eine Selbstverständlichkeit. Irgendwann wird nicht mehr gefragt, warum eine Regel existiert. Sie wird einfach verteidigt.
Vielleicht geschieht genau das häufiger, als uns lieb ist. Nicht jede Forderung, die an uns gestellt wird, dient tatsächlich dem Schutz der Gemeinschaft. Manche Erwartungen existieren nur deshalb weiter, weil sie schon immer existiert haben. Manche Normen werden verteidigt, obwohl niemand mehr erklären kann, warum. Die kalte Dusche ist längst verschwunden. Die Wächter der Regel sind geblieben.
Genau an diesem Punkt begann die Idee für die Serie.
Die Bilder erzählen deshalb nicht die Geschichte des heiligen Franziskus. Sie erzählen die Geschichte des Wolfs. Sie zeigen nicht die Erlösung des Wilden. Sie zeigen Wahrnehmung, Bewertung, Widerstand und Rückzug. Sie zeigen den Weg eines Wesens, das zunehmend mit Erwartungen konfrontiert wird.
Der Kreis aus Licht, der sich durch die Serie zieht, wurde dabei zum Symbol jener Kräfte, die jeder Mensch kennt: gesellschaftliche Erwartungen, religiöse Vorstellungen, moralische Forderungen, Traditionen und Normen. Manche davon sind notwendig. Manche schützen Gemeinschaft. Andere existieren nur deshalb weiter, weil niemand mehr fragt, ob sie noch notwendig sind.
Vielleicht ist genau das die Frage, die mich an dieser Legende so beschäftigt. Nicht ob Franziskus recht hatte. Nicht ob der Wolf recht hatte.
Sondern ob wir selbst noch unterscheiden können, welche Teile unserer Anpassung notwendig sind und welche lediglich deshalb existieren, weil sie längst zur Gewohnheit geworden sind.
Die Serie gibt darauf keine Antwort. Sie versucht lediglich, den Blickwinkel zu verschieben. Weg von der Frage, wie der Wolf gezähmt wurde, hin zu einer anderen Frage:
Was macht das eigentlich mit dem Wolf?
