Ein kleiner Überlebensleitfaden für jene, die versehentlich – oder mit voller Absicht – zwischen Kunst und Prosecco gelandet sind.
(Dieser Beitrag ist mit einem Augenzwinkern gemeint.)
Der werten Leserin und dem geschätzten Leser wird es vielleicht schon widerfahren sein: Man wird auf eine Vernissage mitgeschleppt. Ein Freund stellt aus, eine Bekannte kennt den Galeristen, jemand hat guten Wein und kleine Brötchen versprochen – und ehe man sich versieht, steht man vor einer drei Meter breiten Leinwand mit einem roten Quadrat darauf, während neben einem ein Mann mit rundem Brillengestell und Schal im August fragt: „Und, was löst das bei Ihnen aus?“
Ich gestehe freimütig: Ich treibe mich selbst ausgesprochen gerne in Galerien herum. Nicht nur aus beruflicher Neugier als Fotograf, sondern auch aus echter Freude daran, Räume zu betreten, in denen Menschen sehr ernst auf Dinge schauen, die manchmal aussehen wie ein umgefallener Heizkörper mit Konzept. Ich habe allerdings weder Kunstgeschichte studiert noch jemals das Bedürfnis verspürt, mich bei Rotwein mit Begriffen wie „postmaterialistische Raumspannung“ zu bewaffnen.
Und ehrlicherweise geht es mir dort auch nicht darum, möglichst klug zu wirken oder mit kunsthistorischen Fremdwörtern um mich zu werfen wie ein mittelmäßiger Zauberer mit Spielkarten. Ich gehe in Galerien, um zu sehen. Um Inspiration zu sammeln. Um zu beobachten, wie Werke präsentiert werden, wie Räume funktionieren, wie Licht eingesetzt wird, wie Größe Wahrnehmung verändert – und wie eine einzelne Arbeit an einer Wand plötzlich mehr sagt als zwanzig dicht gehängte nebeneinander. Man erweitert dort seinen Horizont. Oder sollte es zumindest. Kunst ist kein Vokabeltest, sondern ein Blicktraining.
Mein Zugang ist daher deutlich profaner: schauen, denken, wirken lassen – und gelegentlich mit gut dosiertem Halbwissen gesellschaftlich unbeschadet überleben.
Denn Kunstbetrachtung funktioniert erstaunlich ähnlich wie Weinverkostung. Man riecht am Glas, runzelt leicht die Stirn und sagt dann mit ruhiger Sicherheit: „Blaue Hortensie. Eindeutig.“ Ob es stimmt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass man es sagt, als könne es gar nicht anders sein. Ebenso in der Galerie: Kaum jemand versteht wirklich alles, aber fast jeder versteht das Ritual des Verstehens.
Nun gibt es in solchen Momenten zwei Möglichkeiten. Die erste ist Ehrlichkeit. Man sagt: „Es erinnert mich an eine schlecht geparkte Tiefkühlpizza.“ Das ist menschlich, aber gesellschaftlich riskant. Die zweite Möglichkeit ist kultivierte Improvisation. Man sagt Dinge, die bedeutungsvoll klingen, ohne sich unnötig auf überprüfbare Fakten festzulegen. Genau hier beginnt eine erstaunlich brauchbare Kulturtechnik.
Damit Sie künftig nicht mehr schutzlos zwischen Installationen aus rostigem Draht und konzeptueller Nacktheit stehen, hier zehn Sätze, die nahezu immer funktionieren. Sie sind elegant genug, um klug zu wirken – und vage genug, um nicht widerlegt zu werden.
„Interessant, wie hier mit Spannung und Leere gearbeitet wird.“
Funktioniert immer. Selbst wenn gar nichts da ist. Gerade dann.
„Mich fasziniert dieser bewusste Bruch zwischen Form und Erwartung.“
Niemand fragt nach, weil niemand zugeben will, dass er selbst keinen Bruch gesehen hat.
„Das Werk verlangt Zeit. Es erschließt sich nicht beim ersten Blick.“
Besonders nützlich, wenn es sich auch beim dritten Blick nicht erschließt.
„Ich finde diese Ambivalenz sehr stark.“
Ambivalenz ist das Rettungsboot der Kunstkritik. Wenn man nichts weiß: Ambivalenz.
„Es hat etwas fast Unangenehmes – und genau das macht es spannend.“
Ideal bei Arbeiten, die man eigentlich nicht mag.
„Die Reduktion ist hier eigentlich der eigentliche Luxus.“
Bei Minimalismus ein Treffer. Bei einem weißen Blatt Papier ein Volltreffer.
„Mich interessiert weniger das Motiv als die Haltung dahinter.“
Exzellent, wenn man das Motiv nicht erkannt hat.
„Das ist formal sehr konsequent, aber emotional trotzdem offen.“
Klingt, als hätten Sie Kunstgeschichte studiert – und gleichzeitig Bindungsprobleme.
„Man spürt, dass hier nicht dekoriert, sondern wirklich gedacht wurde.“
Ein wenig arrogant, aber genau deshalb gesellschaftlich wirksam.
„Es erinnert mich entfernt an die späte Phase von …“
Hier haben Sie völlige Freiheit. Sie können Mark Rothko, Francis Bacon, Cy Twombly oder Joseph Beuys sagen – das funktioniert zuverlässig. Sie können aber ebenso gut den Namen eines Schulfreundes oder Ihres Zahnarztes einfügen. Wenn niemand den Namen kennt, wirkt es nicht falsch, sondern im Gegenteil: nach profundem Insiderwissen.
Wichtig ist dabei nicht nur, was Sie sagen, sondern wie. Sprechen Sie langsam. Nicken Sie selten, aber bedeutungsvoll. Schauen Sie niemals sofort auf das Preisschild – das verrät den Anfänger. Und falls Sie doch einmal direkt gefragt werden, was das Werk denn nun konkret aussagt, antworten Sie mit ruhiger Stimme: „Ich glaube, es geht weniger um eine Aussage als um einen Zustand.“
Danach trinken Sie einen Schluck Wein. Idealerweise mit einem Gesichtsausdruck, als hätten Sie auch dort gerade eine feine Ambivalenz entdeckt.
