Warum meine Bilder Farbe verlieren müssen
Eine der Fragen, die mir immer wieder gestellt wird, lautet: Warum Schwarzweiß? Die einfache Antwort wäre: weil es mir gefällt. Die ehrliche Antwort ist komplexer. Schwarzweiß ist für mich keine Stilentscheidung im oberflächlichen Sinn und schon gar kein nostalgischer Verweis auf vergangene fotografische Epochen. Es ist eine bewusste Reduktion, vielleicht sogar eine Form von Verdichtung. Farbe erzählt sofort. Sie verortet ein Bild in einer Zeit, in einer Temperatur, in einer Atmosphäre, manchmal sogar in einer kulturellen Erwartung. Ein rotes Kleid, ein blauer Himmel, warme Hauttöne, das Grün eines Raumes – all das spricht unmittelbar zum Betrachter. Genau das ist oft ihre Stärke. Und gleichzeitig manchmal ihr Problem.
Mich interessiert häufig nicht die Oberfläche des Gegenstandes, sondern das, was darunter liegt: Licht, Form, Spannung, Körper, Raum und archetypische Ebenen. Farbe kann dabei eine zusätzliche Bedeutungsebene eröffnen, aber sie kann auch ablenken. Sie ist oft zu konkret. Schwarzweiß nimmt dem Bild diese konkrete Verortung weitgehend. Es reduziert. Es zwingt dazu, auf Linien, Flächen, Übergänge und Schatten zu schauen – auf jene Zonen, in denen das Bild nicht mehr erzählt, sondern beginnt zu wirken. Gerade in meiner Arbeit ist Licht nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern oft eigentlicher Protagonist. Es modelliert, verschluckt, hebt hervor, schafft Spannung. In Schwarzweiß tritt diese skulpturale Qualität wesentlich deutlicher hervor.
Was mir dabei besonders wichtig ist: Für mich gibt es nicht das eine Schwarzweiß. Es gibt viele Formen von Schwarzweiß, und darin liegt für mich ein wesentlicher Teil der fotografischen Arbeit. Das Schwarzweiß, das mich bei František Drtikol so tief berührt hat, ist ein anderes als jenes der klassischen Hollywoodfotografie der 1920er und 1930er Jahre. Bei Drtikol gibt es oft keine absoluten Endpunkte. Das Schwarz ist selten vollkommen geschlossen, selten ein absoluter Abgrund. Der Schwarzwert ist leicht angehoben, sodass in der Tiefe noch ein Hauch von Zeichnung, ein Rest von Raum, eine Ahnung von Materie erhalten bleibt. Ebenso ist das Weiß meist nicht vollkommen rein und ausbrennend, sondern leicht zurückgenommen, sodass es nie brutal absolut wirkt. Dadurch entsteht ein fast atmender Tonwertbereich zwischen Licht und Dunkelheit.
Gerade diese subtile Offenheit der Extreme fasziniert mich. Es ist ein Schwarzweiß, das nicht schreit, sondern wirkt. Dem gegenüber steht das Schwarzweiß der klassischen Hollywoodfotografie, etwa im Geist von George Hurrell, das mit dramatischeren Kontrasten arbeitet. Hier dürfen Lichtkanten schärfer sein, Glanzlichter stärker modellieren, Schatten tiefer greifen. Das Licht wird zur Bühne, zur Inszenierung, fast zur Dramaturgie des Gesichts. Und dann gibt es wiederum das Schwarzweiß eines Sebastião Salgado, das in seiner Tonwerttiefe, Materialität und Kornstruktur nochmals völlig anders funktioniert. Dort lebt das Bild von enormer Gravität, von fein abgestuften Mitteltönen und einer physischen Präsenz, die fast skulptural wirkt.
Gerade deshalb ist Schwarzweiß für mich niemals ein bloßer Klick. Es ist nicht jener schnelle Filter, den die Instagram-geübte Leserin oder der filterbegeisterte Leser vielleicht gewohnt ist, wo ein Farbbild in Sekunden „in Schwarzweiß umgewandelt“ wird. Für mich beginnt die eigentliche Arbeit oft erst danach. Die Definition des Schwarzweißes erfolgt in vielen präzisen Arbeitsschritten: Steuerung der einzelnen Farbkanäle, gezielte Tonwertverschiebungen, Arbeit mit Kurven, Anpassung von Schwarz- und Weißpunkt, feine Kontrolle der Mitteltöne, lokale Kontrastführung, Dodge & Burn, Kornstruktur, Mikrokontrast, Vignettierung und die bewusste Steuerung der Lichtwirkung im Bildraum. Erst hier entsteht das eigentliche Schwarzweiß. Nicht als technischer Zustand, sondern als bildsprachliche Entscheidung.
Ein Bild kann dadurch weich und fast samten wirken, dramatisch und filmisch, skulptural und hart oder beinahe grafisch reduziert. Schwarzweiß ist für mich daher keine Abwesenheit von Farbe. Es ist eine eigenständige visuelle Sprache.
Wichtig ist mir dabei ebenso, einen möglichen Irrtum gleich auszuräumen: Meine Entscheidung für Schwarzweiß bedeutet keineswegs, dass mir die Farbfotografie fremd oder gar abstoßend wäre. Ganz im Gegenteil. Gerade in letzter Zeit beschäftige ich mich sehr intensiv mit Farbe – allerdings weniger in der klassischen Fotografie als vielmehr über den Umweg des Films. Ich recherchiere derzeit sehr konkret mit filmischen Bildwelten und achte dabei ganz bewusst auf Regisseure und Kameraleute, die äußerst gezielt mit Lichtstimmung und Color Grading arbeiten.
Gerade dort habe ich in den letzten Monaten einige faszinierende Entdeckungen gemacht. Eine davon war ein geradezu paradoxes Rot – ein Rot, das nicht warm, sinnlich oder aggressiv wirkte, sondern eine fast kalte, distanzierte Atmosphäre erzeugte. Die gesamte Szene war in diesen Ton getaucht, und genau diese Irritation hat mich nicht mehr losgelassen. Ein kaltes Rot – ein Widerspruch, der gerade deshalb bildsprachlich hochinteressant ist. Ich habe lange experimentiert, um diesen Effekt nachzuvollziehen und fotografisch für mich greifbar zu machen.
Gerade solche Experimente zeigen mir, dass Farbe eine ebenso komplexe und eigenständige Sprache besitzt wie Schwarzweiß. Vielleicht sogar noch komplexer. Wer weiß – vielleicht wird es eines Tages neben Artis Umbrae auch ein anderes künstlerisches Universum geben. Ein Raum, in dem Farbe nicht bloß dekoratives Element ist, sondern zur eigentlichen Trägerin von Atmosphäre, Emotion und Bedeutung wird. Ein möglicher Name dafür wäre vielleicht Ars Lucis – Kunst des Lichts, ein Gegenpol zu den Schatten.
Noch bin ich davon allerdings ein gutes Stück entfernt. Derzeit bin ich noch nicht so weit, aus diesen farbigen Ansätzen eine eigenständige künstlerische Linie zu formen. Eine solche Bildsprache verlangt dieselbe Konsequenz, dieselbe Verdichtung und dieselbe innere Stringenz, die Artis Umbrae heute trägt. Farbe als Stil zu kondensieren, zu einer unverwechselbaren Handschrift zu formen, wird – wenn es überhaupt dazu kommt – vermutlich noch Jahre brauchen.
Und vielleicht ist gerade das gut so.
Nicht jede Idee muss sofort zur Serie werden. Manche müssen reifen. Manche bleiben Fragment. Und manche wachsen vielleicht über Jahre zu einem zweiten künstlerischen Kosmos heran.
Falls es überhaupt dazu kommen sollte.
