Die Bilder, die nie entstanden sind

wenn eine fotografische Arbeit im Nichts endet.

Wenn über Kunst gesprochen wird, spricht man fast immer über die fertigen Werke. Über jene Bilder, die den Weg an die Wand, in eine Serie, in einen Katalog oder irgendwann vielleicht in eine Sammlung gefunden haben. Was dabei fast immer unsichtbar bleibt, sind all jene Bilder, die nie entstanden sind – oder präziser: jene Bilder, die zwar fotografisch umgesetzt wurden, aber niemals ihren Weg nach außen gefunden haben.

Und davon gibt es viele. Vielleicht sogar mehr als jene, die schließlich sichtbar werden.

Das Scheitern von Bildern ist für mich kein Randphänomen meiner Arbeit, kein bedauerlicher Unfall, der gelegentlich passiert. Es ist ein wesentlicher Bestandteil meines künstlerischen Prozesses. Manche Ideen tragen nur für einen Augenblick. Sie erscheinen im ersten Moment faszinierend, fast zwingend, und verlieren dann bei näherer Betrachtung ihre innere Notwendigkeit. Andere sind als Gedanke stark, scheitern aber in der Umsetzung. Wieder andere entstehen technisch sauber, sind gut ausgeleuchtet, sorgfältig gesetzt und dennoch bleibt beim Betrachten eine Leere.

Gerade das ist oft der schwierigste Moment.

Ein Bild kann handwerklich gelingen und dennoch künstlerisch scheitern. Es ist technisch korrekt, präzise gesetzt, vielleicht sogar ästhetisch ansprechend – und dennoch sagt es nichts. Es bleibt Oberfläche. Es trägt nicht. Ich glaube, dass genau hier ein wesentlicher Unterschied zwischen bloßem Produzieren und ernsthafter künstlerischer Arbeit liegt. Nicht jede Idee verdient es, umgesetzt zu werden. Und nicht jedes umgesetzte Bild verdient es, Teil einer Serie zu werden.

An dieser Stelle ist mir ein wichtiger Unterschied wesentlich. Wenn ich vom Scheitern von Bildern spreche, meine ich nicht jene alltägliche Auswahl, die jeder Fotograf kennt. Ich arbeite nicht mit tausenden Aufnahmen pro Shooting, aus denen dann später das eine „beste“ Bild herausgefiltert wird. Im Gegenteil. Ich fotografiere relativ wenig. Pro Bild, das die Betrachter später tatsächlich zu Gesicht bekommen, entstehen oft lediglich drei bis fünf Aufnahmen. Dabei geht es meist nur noch um feine Nuancen: eine minimale Veränderung des Kamerawinkels, eine kleine Verschiebung der Lichtkante, eine leichte Anpassung der Belichtung oder eine kaum merkliche Veränderung in der Haltung des Modells. Es sind keine grundlegend verschiedenen Bilder, sondern Variationen eines bereits sehr präzise gedachten Bildes.

Ich gehöre nicht zu jenen Fotografen, die nach einem Shooting mit tausend Dateien nach Hause gehen und dort erst beginnen zu suchen, was das Bild eigentlich sein könnte. Das Bild muss für mich bereits vor dem Auslösen weitgehend da sein.

Wenn ich also vom Scheitern spreche, dann meine ich nicht, dass ich aus fünf Aufnahmen vier verwerfe und die stärkste auswähle. Das ist ein ganz normaler Teil der fotografischen Arbeit. Ich spreche von Bildideen, die als Gesamtheit sterben.

Ein sehr konkretes Beispiel dafür ist ein Zyklus, an dem ich derzeit arbeite: Der Tod und das Mädchen. Dieses Thema begleitet mich seit einiger Zeit und hat mich sofort gepackt. Die Idee ist ebenso einfach wie emotional hoch aufgeladen: Das Modell interagiert darin gewissermaßen mit sich selbst. Einmal im Schatten, einmal im Licht. Es tanzt mit sich selbst, wird von sich selbst umarmt, begegnet seinem eigenen Gegenbild. Mich fasziniert dabei diese Schwebe zwischen Nähe und Verlust, zwischen Selbstbegegnung und Endlichkeit, zwischen Eros und Vergänglichkeit.

Ich habe bereits viele Stunden in dieses Thema investiert. Nicht nur in das Shooting selbst, sondern vor allem in die konzeptionelle Arbeit davor. Wie muss Licht gesetzt werden, damit Schatten nicht bloß technisch funktioniert, sondern als zweites Wesen lesbar wird? Wie muss der Körper positioniert werden, damit aus einer formalen Doppelung eine emotionale Begegnung entsteht? Wie weit darf die Bildsprache ins Symbolische gehen, ohne ins Plakative zu kippen?

Und dennoch bin ich im Moment noch nicht sicher, ob es mir gelingen wird, dieses Thema tatsächlich so umzusetzen, wie ich es innerlich sehe.

Gerade das ist einer der schmerzhaftesten Punkte meiner Arbeit: Die Idee kann im Kopf eine enorme Kraft besitzen und sich in der Realität dennoch verweigern. Das innere Bild ist manchmal stärker als alles, was sich technisch und fotografisch tatsächlich realisieren lässt. Falls dieser Zyklus am Ende eine Totgeburt wird, wird das für mich – wie bei vielen anderen Ideen zuvor – sehr schmerzhaft sein.

Und ich meine das nicht leichtfertig. Es gab bereits Serien, die ich mit großem Aufwand geplant und durchgeführt habe. Konzepte, in die viel Zeit, Energie und Herzblut geflossen sind. Das Shooting hat stattgefunden, die Modelle waren da, Licht und Idee waren vorbereitet, und dennoch entsprach das Ergebnis am Ende nicht dem, was ich innerlich gesucht hatte. Auch nicht nach vielen Stunden in Adobe Photoshop.

Gerade das ist ein bitterer Moment. Denn irgendwann hilft auch technische Nachbearbeitung nicht mehr. Ein Bild kann durch Retusche, Lichtsteuerung, Dodge & Burn, Tonwertarbeit und unzählige kleine Korrekturen verbessert werden – aber es kann nicht im Nachhinein jene innere Kraft erhalten, die ihm von Anfang an gefehlt hat.

Das ist für mich der entscheidende Maßstab. Ich muss die Kraft in einem Bild spüren, wenn ich es ansehe. Ich muss spüren, dass etwas trägt. Dass das Bild atmet. Dass es eine innere Spannung besitzt, die über Ästhetik hinausgeht. Es muss etwas in mir auslösen, das sich nur schwer in Worte fassen lässt – eine Dichte, eine Präsenz, manchmal fast ein Widerstand.

Wenn ich diese Kraft nicht spüre, dann ist es letztlich egal, wie viel Arbeit dahintersteckt, wie viel Zeit, wie viel Herzblut, wie viel technische Perfektion.

Dann wird es nicht auf die Menschheit losgelassen. Das klingt vielleicht hart. Aber ich halte es für notwendig.

Gerade diese Konsequenz gehört für mich zur künstlerischen Verantwortung. Nicht jedes Bild darf hinaus. Nicht jede Idee verdient Öffentlichkeit. Es gibt Arbeiten, die bleiben im Atelier, im Archiv oder im digitalen Ordner. Nicht weil sie misslungen im handwerklichen Sinn wären, sondern weil sie nicht jene innere Notwendigkeit erreicht haben, die ich von meiner Arbeit verlange.

Was dabei für mich besonders schwer wiegt, ist noch etwas anderes: Wenn ich ein Thema einmal in dieser Intensität durchgeführt habe und es scheitert, dann ist es für mich oft leer. Es gibt in der Regel keinen zweiten Anlauf. Keinen weiteren Versuch mit einem anderen Modell. Kein neues Konzept. Kein „machen wir es halt noch einmal“.

Das Thema ist dann für mich innerlich verbraucht. Nicht objektiv. Aber emotional und künstlerisch. Es hat seinen Raum verbraucht. Es stirbt nicht ein einzelnes Bild. Es stirbt ein ganzer Bildraum.

Vielleicht ist gerade das der Grund, warum das Scheitern für mich so schmerzhaft ist. Es geht nicht nur um ein misslungenes Bild, sondern manchmal um das Ende einer ganzen inneren Bewegung, die mich über Wochen oder Monate begleitet hat.

Und dennoch gehört genau das zu meiner Arbeit. Scheitern bedeutet für mich nicht Versagen. Es bedeutet Klärung. Es trennt das bloß Interessante vom Notwendigen.

Vielleicht ist das einer der ehrlichsten Sätze, die ich über meine Arbeit schreiben kann: Nicht jedes Bild darf bleiben. Und genau deshalb dürfen jene, die bleiben, stärker werden.

Scroll to Top